Das Originaldokument der nordrhein-westfälischen Landesverfassung - braunes, billiges Nachkriegspapier, mit der Schreibmaschine beschrieben

Das Originaldokument der nordrhein-westfälischen Landesverfassung - braunes, billiges Nachkriegspapier, mit der Schreibmaschine beschrieben

75 Jahre NRW-Verfassung: Wie alles begann

Stand:

"Hey, Demokratie!" lautet das Motto der Feierlichkeiten rund um 75 Jahre NRW-Verfassung. Ein Blick zurück darauf, wie alles anfing: Warum es etwas länger dauerte mit den Grundregeln der Demokratie für Nordrhein-Westfalen.

Das Grundgesetz wurde am 23. Mai 1949 verkündet. Damit war die Bundesrepublik Deutschland gegründet. Anders lief es in Nordrhein-Westfalen: Bereits im Sommer 1946, gut ein Jahr nach der bedingungslosen Kapitulation Nazi-Deutschlands, hatte die britische Militärregierung das neue Bindestrich-Land aus der Taufe gehoben. Eine Verfassung mit den demokratischen Prinzipien für NRW ließ aber noch einige Jahre auf sich warten. Erst 1950 war es so weit.

Die Gründe für die längere und "schwierige Debatte" in NRW, so der Bochumer Historiker Dietmar Petzina, hätten unter anderem in "offenen Fragen" zur Struktur der Länder und zur deutschen Frage in der Phase der entstehenden Bundesrepublik gelegen. Ausführliche Darstellungen zur Chronologie der Verfassungsdebatten finden sich auf der Landtags-Internetseite.

Damals umkämpft, heute Konsens der Demokraten

Im Jahr 2025 steht die Landesverfassung, gerade wenn ein Jubiläum ansteht, für den Grundkonsens der demokratischen Parteien. Vor 75 Jahren war das anders: Nach jahrelangem Streit über Verfassungsentwürfe stimmten schließlich 110 Abgeordnete von CDU und Zentrum im Landtag mit Ja. 97 Abgeordnete von SPD, FDP und KPD lehnten die Verfassung ab.

Bei einem Volksentscheid, der mit der Landtagswahl 1950 durchgeführt wurde, war die Mehrheit für die Verfassung nicht allzu groß. 3,6 Millionen Wählerinnen und Wähler stimmten zu. 2,2 Millionen sagten Nein - es gab zudem rund 500.000 ungültige Stimmen. Die Verfassung war mit rund 57 Prozent der Stimmen angenommen. Sie trat - nach Zustimmung der Briten - am 11. Juli 1950 in Kraft.

Ahnengalerie: Diese Menschen regierten NRW

12 Regierungschefs hatte NRW bisher, inklusive des Amtsinhabers Hendrik Wüst. Wer waren die Menschen vor ihm?

NRW-Ministerpräsidenten

Rudolf Amelunxen (parteilos) 1946 - 1947: Nach Ende des zweiten Weltkriegs wurde Amelunxen, ein Demokrat, von der britischen Besatzungsmacht zum Ministerpräsidenten ernannt. Der politische Spielraum des ersten Ministerpräsidenten war begrenzt. Seine Hauptaufgabe bestand in der Mangelverwaltung: Das Land lag in Trümmern. Hunger, Krankheit, Wohnungs- und Treibstoffmangel waren die beherrschenden Themen.

Gemälde von Dr. Rudolf Amelunxen

Aus seiner Rede vor dem Landtag 1946: "Wir müssen von uns aus (…) Sorge tragen, dass das Ruhrgebiet niemals wieder Waffen schmiedet, dass die Wirtschaft an Rhein und Ruhr auf friedliche Ziele der Menschheit ausgerichtet wird“, sagte Amelunxen vor dem Landtag. Sein Portrait stammt von Oswald Petersen.

Karl Arnold

Karl Arnold (CDU) 1947 - 1956: Karl Arnold war der erste frei gewählte Ministerpräsident des noch jungen Bundeslandes. Zuvor war der gelernte Schuhmacher Oberbürgermeister in Düsseldorf. Arnold gehörte zum linken Flügel der neu gegründeten CDU und stand für Arbeitnehmerrechte und sozialen Wandel. Das machte ihn zum Widersacher von Bundeskanzler Konrad Adenauer. Aufgrund bundespolitischer Interessen wurde Arnold 1956 von seinem Koalitionspartner, der FDP, gestürzt.

Gemälde von Karl Arnold

In Arnolds Amtszeit fällt die Gründung der Montanunion – einer europäischen Wirtschaftsgemeinschaft für Kohle und Stahl. Karl Arnold gehört somit zu den Vordenkern der Europäischen Union. "Nordrhein-Westfalen will und wird das soziale Gewissen der Bundesrepublik sein“ sagte er in seiner Regierungserklärung. Am Ende seiner Amtszeit ließ er sich von Richard Schreiber porträtieren.

Fritz Steinhoff

Fritz Steinhoff (SPD) 1956 - 1958: Der ehemalige Bergarbeiter Fritz Steinhoff war nach Kriegsende Bürgermeister von Hagen und Wiederaufbauminister im Kabinett seines Vorgängers Karl Arnold. Als dieser gestürzt wurde, kam Steinhoff auf die Regierungsbank.

Gemäde von Fritz Steinhoff

In seiner kurzen Amtszeit kümmerte sich Fritz Steinhoff vor allem um die Förderung des Wohnungsbaus und der Jugendarbeit. Außerdem setzte er auf den Ausbau der Kernenergie und legte den Grundstein für die Kernforschungsanlage Jülich. Das Gemälde stammt von Richard Sprick.

Franz Meyers

Franz Meyers (CDU) 1958 - 1966 : Bei der Landtagswahl 1958 ging Franz Meyers für die CDU ins Rennen, nachdem der eigentliche Spitzenkandidat, Karl Arnold, plötzlich im Wahlkampf verstarb. Der „fixe Franz“ kam wegen seiner rheinische Lebensart bei Wählern und Journalisten gut an.

Gemälde von Dr. Frank Meyers

Meyers wollte eine größere Verbundenheit zwischen Westfalen und Rheinländern schaffen. Am liebsten hätte er das Land umbenannt, stieß aber mit seinen zum Teil skurrilen Vorschlägen auf keinen fruchtbaren Boden. Die Krise im Bergbau überschattete Meyers Amtszeit: Der Steinkohle-Absatz stagnierte, Tausende Bergleute verloren ihren Job, Zechen mussten schließen. Das Porträt wurde gemalt von Engelbert Hilbich

Heinz Kühn

Heinz Kühn (SPD) 1966 – 1978: Der ehemalige Chefredakteur der Rheinischen Zeitung regierte das Land zwölf Jahre lang in einer Koalition mit der FDP. Er war ein Intellektueller, galt als weniger hemdsärmelig als sein Vorgänger. Das Zechensterben im Land ging weiter, begleitet von Protesten der Kumpel.

Gemälde von Kühn

Kühn versuchte das Vertrauen der Leute zurückzugewinnen, entwickelte das Entwicklungsprogramm Ruhr. Durch die Gründung einer Dachgesellschaft, der Ruhrkohle AG, sollten die verbleibenden Betriebe stabilisiert werden. Während seiner Amtszeit entwickelte sich NRW zum Hochschulstandort – nicht zuletzt ein Verdienst seines Wissenschaftsministers und Nachfolgers Johannes Rau. Kühn wurde gemalt von Oswald Petersen.

Johannes Rau

Johannes Rau (SPD) 1978 - 1998: Mit Johannes Rau setzte sich die Ära der SPD in Nordrhein-Westfalen fort. Der gelernte Verlagsbuchhändler aus Wuppertal-Barmen erreichte dreimal die absolute Mehrheit für die SPD und regiert 20 Jahre das Land NRW.

Gemälde von Rau

Raus Erfolgsrezept war er selbst - nicht umsonst nannte man ihn "den Menschenfischer“: Er war den Menschen zugewandt, konnte zuhören und vermitteln. Diese Qualitäten brauchte er, denn politisch wehte der Wind rauh: Die Kohle- und Stahlkrise, ein riesiger Schuldenberg und eine Arbeitslosenquote von über zehn Prozent schüttelten NRW. Gemalt wurde Rau von Janet Brooks-Gerloff.

Wolfgang Clement

Wolfgang Clement (SPD) 1998 - 2002: Wolfang Clement, gebürtiger Bochumer und gelernter Journalist, war viele Jahre Kronprinz von Johannes Rau. Als dieser sein Amt zur Verfügung stellt, rückt Clement nach. Der SPD-Ministerpräsident Clement sah sich als Manager des Landes.

Gemälde von Wolfgang Clement

Mit ihm sollte NRW zukunftsfähig werden. Dafür setzte Clement auf den Ausbau moderner Technologien und die Förderung des Medienstandorts NRW. Außerdem veranlasste Clement den Umzug der Staatskanzlei von der alten Villa Horion in das stahlglänzende Düsseldorfer Stadttor. Gezeichnet wurde Clement von Ernst Günter Hansing.

Peer Steinbrück

Peer Steinbrück (SPD) 2002 - 2005: Als Ministerpräsident Wolfgang Clement plötzlich von der Landes- zur Bundespolitik wechselte, folgte ihm sein ehemaliger Wirtschafts- und Finanzminister Peer Steinbrück ins Amt. Weder Clement, noch Steinbrück entsprachen dem Typus „Landesvater“. Steinbrück, der gebürtige Hamburger, sagte von sich selbst, er sei "ein Kabeljau".

Gemälde von Peer Steinbrück

So richtig warm wurden die Nordrhein-Westfalen nicht mit ihrem neuen Ministerpräsidenten, der sich während seiner Amtszeit kein starkes Profil geben konnte. Bei der Landtagswahl 2005 standen die Zeichen auf Wechsel: Die SPD blieb weit hinter der CDU zurück. Das Gemälde stammt von Johannes Heisig.

Jürgen Rüttgers

Jürgen Rüttgers (CDU): 2005 - 2010
Nach fast 40 Jahren SPD-Regierung kam 2005 der Wechsel: Der heimatverbundene Rheinländer Jürgen Rüttgers wurde der Neue an der Spitze Nordrhein-Westfalens. Der CDU-Mann besiegelte während seiner Amtszeit das Ende der Kohlesubventionierung – ein jahrelanges Streitthema im Landtag.

Gemälde von Dr. Jürgen Rüttgers

Rüttgers versuchte immer wieder, Verbindungen zwischen sich und dem langjährigen Landesvater Johannes Rau herzustellen. Doch ähnlich wie bei seinem Vorgänger Steinbrück wollte der Funke zu den Menschen in NRW nicht überspringen. Der Wahlkampf 2010 wurde von einer Sponsoring-Affäre der Landes-CDU überschattet. Die CDU erlitt hohe Stimmverluste. Rüttgers ließ sich von Oliver Jordan malen.

Hannelore Kraft

Hannelore Kraft (SPD): 2010 - 2017
Hannelore Kraft, die Tochter eines Straßenbahnfahrers aus Mülheim an der Ruhr, wurde die erste Frau an die Spitze des bevölkerungsreichsten Bundeslandes. Nachdem weder Rot-Grün noch Schwarz-Gelb bei der Landtagswahl 2010 eine Mehrheit bekam, bildete die SPD zusammen mit den Grünen eine Minderheitsregierung. 2012 stellte sich die rot-grüne Koalition bei vorgezogenen Landtagswahlen auf eine sichere Basis.

Armin Laschet vor Hannelore Kraft Portrait

Fünf Jahre lang regierte Hannelore Kraft danach das Land. Sie galt als menschlich warme „Kümmerin“, doch stießen die Schul- und Sicherheitspolitik der Koalition zuletzt auf wenig Gegenliebe im Land. Bei der Wahl 2017 musste die SPD hohe Stimmverluste hinnehmen, die CDU wurde stärkste Partei im Landtag. Kraft brach mit der Gemälde-Tradition und ließ sich von Jim Rakete fotografieren. Ihr Nachfolger präsentierte das Bild in der Ahnengalerie.

Armin Laschet Portrait

Es folgten die Corona-Pandemie und das Jahrhunderthochwasser 2021. Laschet wurde Kanzlerkandidat der CDU und übergab das Amt vor Ablauf der Wahlperiode an Hendrik Wüst. Laschet setzt die Reihe der Fotoporträts fort mit dem Werk von Till Brönner.

Rudolf Amelunxen (parteilos) 1946 - 1947: Nach Ende des zweiten Weltkriegs wurde Amelunxen, ein Demokrat, von der britischen Besatzungsmacht zum Ministerpräsidenten ernannt. Der politische Spielraum des ersten Ministerpräsidenten war begrenzt. Seine Hauptaufgabe bestand in der Mangelverwaltung: Das Land lag in Trümmern. Hunger, Krankheit, Wohnungs- und Treibstoffmangel waren die beherrschenden Themen.

Aus seiner Rede vor dem Landtag 1946: "Wir müssen von uns aus (…) Sorge tragen, dass das Ruhrgebiet niemals wieder Waffen schmiedet, dass die Wirtschaft an Rhein und Ruhr auf friedliche Ziele der Menschheit ausgerichtet wird“, sagte Amelunxen vor dem Landtag. Sein Portrait stammt von Oswald Petersen.

Karl Arnold (CDU) 1947 - 1956: Karl Arnold war der erste frei gewählte Ministerpräsident des noch jungen Bundeslandes. Zuvor war der gelernte Schuhmacher Oberbürgermeister in Düsseldorf. Arnold gehörte zum linken Flügel der neu gegründeten CDU und stand für Arbeitnehmerrechte und sozialen Wandel. Das machte ihn zum Widersacher von Bundeskanzler Konrad Adenauer. Aufgrund bundespolitischer Interessen wurde Arnold 1956 von seinem Koalitionspartner, der FDP, gestürzt.

In Arnolds Amtszeit fällt die Gründung der Montanunion – einer europäischen Wirtschaftsgemeinschaft für Kohle und Stahl. Karl Arnold gehört somit zu den Vordenkern der Europäischen Union. "Nordrhein-Westfalen will und wird das soziale Gewissen der Bundesrepublik sein“ sagte er in seiner Regierungserklärung. Am Ende seiner Amtszeit ließ er sich von Richard Schreiber porträtieren.

Fritz Steinhoff (SPD) 1956 - 1958: Der ehemalige Bergarbeiter Fritz Steinhoff war nach Kriegsende Bürgermeister von Hagen und Wiederaufbauminister im Kabinett seines Vorgängers Karl Arnold. Als dieser gestürzt wurde, kam Steinhoff auf die Regierungsbank.

In seiner kurzen Amtszeit kümmerte sich Fritz Steinhoff vor allem um die Förderung des Wohnungsbaus und der Jugendarbeit. Außerdem setzte er auf den Ausbau der Kernenergie und legte den Grundstein für die Kernforschungsanlage Jülich. Das Gemälde stammt von Richard Sprick.

Franz Meyers (CDU) 1958 - 1966 : Bei der Landtagswahl 1958 ging Franz Meyers für die CDU ins Rennen, nachdem der eigentliche Spitzenkandidat, Karl Arnold, plötzlich im Wahlkampf verstarb. Der „fixe Franz“ kam wegen seiner rheinische Lebensart bei Wählern und Journalisten gut an.

Meyers wollte eine größere Verbundenheit zwischen Westfalen und Rheinländern schaffen. Am liebsten hätte er das Land umbenannt, stieß aber mit seinen zum Teil skurrilen Vorschlägen auf keinen fruchtbaren Boden. Die Krise im Bergbau überschattete Meyers Amtszeit: Der Steinkohle-Absatz stagnierte, Tausende Bergleute verloren ihren Job, Zechen mussten schließen. Das Porträt wurde gemalt von Engelbert Hilbich

Heinz Kühn (SPD) 1966 – 1978: Der ehemalige Chefredakteur der Rheinischen Zeitung regierte das Land zwölf Jahre lang in einer Koalition mit der FDP. Er war ein Intellektueller, galt als weniger hemdsärmelig als sein Vorgänger. Das Zechensterben im Land ging weiter, begleitet von Protesten der Kumpel.

Kühn versuchte das Vertrauen der Leute zurückzugewinnen, entwickelte das Entwicklungsprogramm Ruhr. Durch die Gründung einer Dachgesellschaft, der Ruhrkohle AG, sollten die verbleibenden Betriebe stabilisiert werden. Während seiner Amtszeit entwickelte sich NRW zum Hochschulstandort – nicht zuletzt ein Verdienst seines Wissenschaftsministers und Nachfolgers Johannes Rau. Kühn wurde gemalt von Oswald Petersen.

Johannes Rau (SPD) 1978 - 1998: Mit Johannes Rau setzte sich die Ära der SPD in Nordrhein-Westfalen fort. Der gelernte Verlagsbuchhändler aus Wuppertal-Barmen erreichte dreimal die absolute Mehrheit für die SPD und regiert 20 Jahre das Land NRW.

Raus Erfolgsrezept war er selbst - nicht umsonst nannte man ihn "den Menschenfischer“: Er war den Menschen zugewandt, konnte zuhören und vermitteln. Diese Qualitäten brauchte er, denn politisch wehte der Wind rauh: Die Kohle- und Stahlkrise, ein riesiger Schuldenberg und eine Arbeitslosenquote von über zehn Prozent schüttelten NRW. Gemalt wurde Rau von Janet Brooks-Gerloff.

Wolfgang Clement (SPD) 1998 - 2002: Wolfang Clement, gebürtiger Bochumer und gelernter Journalist, war viele Jahre Kronprinz von Johannes Rau. Als dieser sein Amt zur Verfügung stellt, rückt Clement nach. Der SPD-Ministerpräsident Clement sah sich als Manager des Landes.

Mit ihm sollte NRW zukunftsfähig werden. Dafür setzte Clement auf den Ausbau moderner Technologien und die Förderung des Medienstandorts NRW. Außerdem veranlasste Clement den Umzug der Staatskanzlei von der alten Villa Horion in das stahlglänzende Düsseldorfer Stadttor. Gezeichnet wurde Clement von Ernst Günter Hansing.

Peer Steinbrück (SPD) 2002 - 2005: Als Ministerpräsident Wolfgang Clement plötzlich von der Landes- zur Bundespolitik wechselte, folgte ihm sein ehemaliger Wirtschafts- und Finanzminister Peer Steinbrück ins Amt. Weder Clement, noch Steinbrück entsprachen dem Typus „Landesvater“. Steinbrück, der gebürtige Hamburger, sagte von sich selbst, er sei "ein Kabeljau".

So richtig warm wurden die Nordrhein-Westfalen nicht mit ihrem neuen Ministerpräsidenten, der sich während seiner Amtszeit kein starkes Profil geben konnte. Bei der Landtagswahl 2005 standen die Zeichen auf Wechsel: Die SPD blieb weit hinter der CDU zurück. Das Gemälde stammt von Johannes Heisig.

Jürgen Rüttgers (CDU): 2005 - 2010
Nach fast 40 Jahren SPD-Regierung kam 2005 der Wechsel: Der heimatverbundene Rheinländer Jürgen Rüttgers wurde der Neue an der Spitze Nordrhein-Westfalens. Der CDU-Mann besiegelte während seiner Amtszeit das Ende der Kohlesubventionierung – ein jahrelanges Streitthema im Landtag.

Rüttgers versuchte immer wieder, Verbindungen zwischen sich und dem langjährigen Landesvater Johannes Rau herzustellen. Doch ähnlich wie bei seinem Vorgänger Steinbrück wollte der Funke zu den Menschen in NRW nicht überspringen. Der Wahlkampf 2010 wurde von einer Sponsoring-Affäre der Landes-CDU überschattet. Die CDU erlitt hohe Stimmverluste. Rüttgers ließ sich von Oliver Jordan malen.

Hannelore Kraft (SPD): 2010 - 2017
Hannelore Kraft, die Tochter eines Straßenbahnfahrers aus Mülheim an der Ruhr, wurde die erste Frau an die Spitze des bevölkerungsreichsten Bundeslandes. Nachdem weder Rot-Grün noch Schwarz-Gelb bei der Landtagswahl 2010 eine Mehrheit bekam, bildete die SPD zusammen mit den Grünen eine Minderheitsregierung. 2012 stellte sich die rot-grüne Koalition bei vorgezogenen Landtagswahlen auf eine sichere Basis.

Fünf Jahre lang regierte Hannelore Kraft danach das Land. Sie galt als menschlich warme „Kümmerin“, doch stießen die Schul- und Sicherheitspolitik der Koalition zuletzt auf wenig Gegenliebe im Land. Bei der Wahl 2017 musste die SPD hohe Stimmverluste hinnehmen, die CDU wurde stärkste Partei im Landtag. Kraft brach mit der Gemälde-Tradition und ließ sich von Jim Rakete fotografieren. Ihr Nachfolger präsentierte das Bild in der Ahnengalerie.

Es folgten die Corona-Pandemie und das Jahrhunderthochwasser 2021. Laschet wurde Kanzlerkandidat der CDU und übergab das Amt vor Ablauf der Wahlperiode an Hendrik Wüst. Laschet setzt die Reihe der Fotoporträts fort mit dem Werk von Till Brönner.

Der Historiker Dietmar Petzina sieht ein Bündel von Motiven für das Nein der Sozialdemokraten. Der damalige SPD-Chef "Kurt Schumacher hatte eine andere Vorstellung vom Staatsaufbau der neu entstehenden Bundesrepublik. Er dachte viel zentralistischer". Die "Vorstellung von Ländern mit weitreichenden Zuständigkeiten" habe Schumacher abgelehnt. Mit der NRW-Verfassung sei der Föderalismus aus "Sicht der SPD auf die Spitze getrieben" worden. Hinzu sei die Ablehnung - nicht nur der SPD - von Konfessionsschulen in der Verfassung gekommen.

Der langjährige Ministerpräsident Johannes Rau (SPD) sagte 1984 rückblickend zum Nein seiner Partei im Jahr 1950: "Die SPD war damals dagegen. Aber man kann ja auch später noch Vernunft annehmen."

Adenauer und Arnold

sw-Foto: Die erste Regierungsmannschaft steht vor dem Henkelwerk in Düsseldorf.

Demokratischer Aufbruch: Das Kabinett Arnold war die erste demokratisch legitimierte Regierung Nordrhein-Westfalens.

Als politische "Schlüsselfiguren" in den Jahren der Verfassungsdebatten nennt Dietmar Petzina den ersten gewählten Ministerpräsident des Landes, Karl Arnold (CDU). Aber auch der Rheinländer Konrad Adenauer (CDU) habe als Präsident des Parlamentarischen Rates nicht nur Einfluss auf das Grundgesetz - sondern auch auf die NRW-Landesverfassung genommen.

Walter Menzel (SPD), der von 1946 bis 1950 Landesinnenminister war, sei ebenfalls zu nennen, so Petzina. Weitere wichtige Namen in dieser frühen Phase der NRW-Geschichte waren demnach der erste - noch von den Briten ernannte - Ministerpräsident Rudolf Amelunxen sowie die Verwaltungsjuristen Hermann Pünder und Karl Zuhorn.

Ein Konfliktthema im Verfassungsprozess war unter anderem auch die Einführung direktdemokratischer Elemente. Hier behielten die Befürworter von Volksbegehren und Volksentscheiden am Ende die Oberhand. Im Grundgesetz hingegen wurden anders als in Nordrhein-Westfalen keine Volksabstimmungen verankert (mit der Ausnahme der Neugliederung des Bundesgebiets). Es gab in der NRW-Geschichte bis heute lediglich ein erfolgreiches Volksbegehren - 1978 gegen die damaligen Pläne der sozialliberalen Landesregierung zur Schulpolitik, die sogenannte "Stop Koop"-Kampagne.

Schrebergarten und "christlicher Sozialismus"

Konrad Adnauer und Karl Arnold

"Parteifreunde" und Antipoden: Konrad Adenauer (l) und Karl Arnold

Einige Artikel der Landesverfassung lesen sich aus heutiger Sicht kurios. "Die Kleinsiedlung und das Kleingartenwesen sind zu fördern", heißt es zum Beispiel in Artikel 29. Eine Bestimmung, die nur aus der schlechten Versorgungslage in den Jahren nach dem Krieg zu erklären ist. Wer in den Mangeljahren eigene Kartoffeln im Schrebergarten anbaute, sollte dazu staatlicherseits ermuntert werden.

Manches sozialpolitische Versprechen stimmt mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht überein. Artikel 24 etwa: "Jedermann hat ein Recht auf Arbeit." Dort steht sogar: "Der Lohn muss der Leistung entsprechen (...)."

Solche Sätze tragen laut Historiker Petzina die Handschrift des damaligen Ministerpräsidenten: "Karl Arnold hat sich immer als christlicher Sozialist verstanden. Der Antipode war Adenauer." Arnold habe das Selbstverständnis von NRW als "sozialer Bastion" geprägt. Die "mythische Vorstellung" der "besonderen Arbeitnehmerfreundlichkeit" des Bundeslandes lasse sich bis in die Gründungsphase zurückverfolgen.

"Wollte man Karl Arnold heute politisch verorten, würde er sozialpolitisch kaum einen Platz in der heutigen Christdemokratie finden", sagt Petzina. Der erste Kanzler der Republik Konrad Adenauer hingegen habe eine "kapitalorientierte, wirtschaftsfreundliche" Linie vertreten.

Der Mix aus christlicher Frömmelei und Antikapitalismus durchzieht das Dokument. Den starken Einfluss von CDU und katholischem Zentrum - jener Partei, die 1933 für Hitlers Ermächtigungsgesetz gestimmt hatte - merkt man dem Verfassungstext an. Gott, Religion oder Kirchen kommen an mehr als drei Dutzend Stellen in der Verfassung vor. Zugleich steht auch in der Verfassung, dass Grundstoff-Großindustrie und Monopol-Unternehmen vergemeinschaftet werden können.

NRW-Verfassung und Grundgesetz

Es gab in den 75 Jahren zahlreiche Verfassungsänderungen. 1968 wurde die Gliederung der Volksschule geändert. 1978 kam der Datenschutz hinein. 1985 wurde der Umweltschutz zum Staatsziel erklärt. 1992 folgte die Sportförderung. 2011 beschlossen Rot-Grün und CDU-Opposition einen Schulkonsens.

In welcher Beziehung steht die NRW-Landesverfassung zum Grundgesetz? "In Nordrhein-Westfalen ist die Verknüpfung zwischen beiden besonders eng", sagt Petzina. Das habe historisch eben auch an handelnden Akteuren wie Adenauer und Arnold, die bei beiden Verfassungsprozessen auf ihre Weise einflussreich gewesen seien, gelegen. Ein Zeichen dafür sei, dass alle Grundrechte aus dem Grundgesetz als "Bestandteil" in Artikel 4 der nordrhein-westfälischen Verfassung stehen.

Feier und Tag der offenen Tür

Eine Ausstellung zu 75 Jahren Landesverfassung im Landtagsgebäude in Düsseldorf

Eine Ausstellung zu 75 Jahren Landesverfassung im Landtagsgebäude in Düsseldorf

Am Freitag kamen Landtag, Landesregierung und Verfassungsgerichtshof in Düsseldorf zusammen, um 75 Jahre Landesverfassung zu würdigen - und ein bisschen zu feiern. Bei der Festveranstaltung im Plenarsaal sprachen NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst, Landtagspräsident André Kuper (beide CDU) und Landesverfassungsgerichts-Präsidentin Barbara Dauner-Lieb.

Am Samstag laden Landesregierung und Landtag zum Tag der offenen Tür nach Düsseldorf ein. Motto der 75-Jahre-Verfassung-Feiern: "Hey, Demokratie!" Im Parlamentsgebäude am Rhein ist derzeit auch eine Ausstellung zur Entstehung der Verfassung zu sehen.

Unsere Quellen:

  • eigene Recherchen
  • WDR-Archiv
  • WDR-Interview mit dem Historiker Dietmar Petzina
  • Nachrichtenagentur dpa

Weitere Beiträge zur Politik in NRW

1 / 2