Fitnessstudios werden an Hitzetagen zu kühlen Zufluchtsorten.
Bildquelle: dpa / Kay NietfeldAn einem Hitze-Wochenende klingelte im Kranz Parkhotel in Siegburg ungewöhnlich oft das Telefon. Innerhalb kürzester Zeit gingen fast 40 zusätzliche Zimmerbuchungen ein. Ein Plus von knapp 30 Prozent gegenüber einem normalen Wochenende. Marketingleiterin Alexandra Kranz kennt den Grund:
"Es kamen tatsächlich einige Familien zu uns, die in ihren Wohnungen und Häusern keine Klimaanlage hatten." Alexandra Kranz, Marketingleiterin Kranz Parkhotel in Siegburg
Vor allem bei den Familienzimmern habe sich das bemerkbar gemacht. "Wir konnten das ganz gut nachvollziehen, weil auf einmal die Buchungssituation bei Familienzimmern angestiegen ist", sagt Kranz. Wenn die Temperaturen wochenlang über 30 Grad klettern, werden kühle Orte in NRW zu einem handfesten Wirtschaftsfaktor – davon profitieren auch Hotels, Fitnessstudios und Kinos.
Hotelzimmer als Zufluchtsort
Viele Menschen flüchten bei Hitze aus ihrer Dachgeschosswohnung.
Bildquelle: picture alliance / Jochen EckelDer Branchenverband DEHOGA spricht bereits vorsichtig von sogenannten Hitzeflüchtlingen: Menschen, die nur für eine oder zwei Nächte zum Beispiel aus ihrer überhitzten Altbau- oder Dachgeschosswohnung ziehen. Für NRW gibt es dazu noch keine flächendeckenden Zahlen. Doch der Verband bestätigt, dass sich kurzfristige Buchungen aus der eigenen Stadt häufen, sobald es mehrere Tage am Stück richtig heiß wird.
Doch es gibt auch den umgekehrten Trend. Hotels ohne moderne Kühltechnik verzeichnen an super heißen Tagen mehr Stornierungen als Zusatzbuchungen, besonders von Familien und älteren Gästen.
Hitzewelle treibt mehr Leute ins klimatisierte Fitnessstudio
Eine repräsentative Erhebung zur Klimatisierung gibt es laut Verband zwar bislang nicht. Doch aus der Praxis der Mitgliedsbetriebe schätzt DSSV-Sprecher Alexander Wulf, dass etwa 70 Prozent der Sportstätten über ein modernes Lüftungs- oder Klimasystem verfügen. Das zahlt sich offenbar auch an heißen Tagen aus: In NRW verlegen Mitglieder laut Verband ihr Training bewusst ins klimatisierte Studio. Zudem sind Kursangebote am Abend während Hitzeperioden stärker gefragt. Das klassische Sommerloch verliert dadurch an Bedeutung, sagt Wulf.
"In Nordrhein-Westfalen berichten Betreiber der Studios regelmäßig, dass Mitglieder ihr Training an sehr heißen Tagen bewusst in die klimatisierten Studios verlegen." Alexander Wulf, Pressesprecher des DSSV
Doch um hitzefest zu werden, müssen die Fitnessstudios viel Geld investieren: 2025 flossen bundesweit 798 Millionen Euro in die Studios. Für 2026 planen die Betriebe laut DSSV sogar mehr als eine Milliarde Euro.
Kinos als kühle Zuflucht
Auch die Kinobranche will von der Entwicklung profitieren. Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des Hauptverbands Deutscher Filmtheater (HDF Kino), rechnet damit, dass die hohen Temperaturen auch mehr Menschen ins kühle Kino ziehen. "Städte und Länder rufen bei Extremtemperaturen ja gezielt dazu auf, kühlere Orte aufzusuchen. Dazu zählen teilweise auch Kinos", sagt Berg.
Klimatisierte Kinos sind vielfach eine indirekte Folge der Corona-Pandemie.
Bildquelle: dpa / Jens KalaeneFilme schauen, ohne zu schwitzen - möglich ist das, weil deutsche Kinosäle nach Verbandsangaben inzwischen nahezu flächendeckend klimatisiert sind. Das ist eine Folge der Corona-Pandemie: Die Wiedereröffnungen waren damals an eine gute Belüftung gekoppelt. Im Ausland erlebt Berg das gezielte Aufsuchen kühler Kinosäle schon länger.
"Aus den USA und anderen Ländern kennen wir das schon, dort nutzen die Menschen gezielt Räume wie Kinos, um sich vor der Hitze zu schützen." Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des Hauptverbands Deutscher Filmtheater
In Paris und der Schweiz ist genau das auch längst Programm: Bei der jüngsten Hitzewelle öffneten Pariser Kinos nachmittags kostenlose Vorstellungen extra für Menschen, die sich abkühlen wollten. Schweizer Kinos luden gezielt ältere Menschen zu Gratis-Vorführungen ein. Sollte sich dieser Trend durchsetzen, könnte das auch dem klassischen Kino-Sommerloch entgegenwirken.
Kostenlose Alternativen gibt es auch in NRW - etwa über kommunale Kühle-Orte-Karten mit Museen oder Büchereien. Wer es jedoch bequem und garantiert kühl haben möchte, zahlt meistens drauf. Je häufiger und länger die Hitzewellen künftig ausfallen, desto mehr werden die Unternehmen ihre Geschäftsmodelle auf kühle Angebote ausrichten.
Was die Hitze wirklich kostet
Am Ende zeigt sich in allen drei Branchen dasselbe Prinzip: Wer kühle Infrastruktur anbieten kann, gewinnt Kunden. Wer das nicht kann, verliert sie. Volkswirtschaftlich ist das nur ein Aspekt der Hitze-Bilanz. Laut einer Studie des Beratungsunternehmens Prognos im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums kostet ein einzelner Hitzetag mit mindestens 30 Grad die deutsche Wirtschaft insgesamt rund 431 Millionen Euro - fast ausschließlich durch sinkende Produktivität.
Unsere Quellen:
- Interview mit Christine Berg, Vorstandsvorsitzende HDF Kino
- Interview mit Alexandra Kranz, Marketingleitung Parkhotel Kranz in Siegburg
- Interview mit Alexander Wulf, Pressesprecher DSSV
- Hintergrundgespräch mit Thorsten Hellwig, DEHOGA NRW
- Branchenpapier des Arbeitgeberverbands deutscher Fitness- und Gesundheitsanlagen
- Artikel im General-Anzeiger Bonn
Sendung: WDR 5, Das Wirtschaftsmagazin, 13.07.2026, 13:36 Uhr