Kommt der verkaufsoffene Sonntag?
Aktuelle Stunde . 06.07.2026. 39:37 Min.. UT. Verfügbar bis 06.07.2028. WDR. Von Timucin Tim Köksalan.
Die Forderung nach einer weitgehenden Freigabe der Ladenöffnungszeiten an Sonntagen ist nicht neu. Der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE), Stefan Genth, hat sie nun erneut bekräftigt. Gegenüber der "Bild"-Zeitung sagte er: "Einkaufen ist auch Freizeiterlebnis". Sonntagsöffnungen seien wichtig, um Innenstädte attraktiv und lebendig zu halten. Auch der Einzelhandel in NRW will flexiblere Öffnungszeiten.
"Die Vorschriften stammen aus einer anderen Zeit und entsprechen nicht mehr den heutigen Konsum- und Freizeitgewohnheiten." Dr. Peter Achten, Hauptgeschäftsführer Handelsverband NRW
Was in NRW am Sonntag erlaubt ist
Laut Grundgesetz ist der Sonntag ein Ruhetag, an dem Geschäfte geschlossen sind. Die konkreten Vorgaben für die Ladenöffnungszeiten regeln jedoch die Bundesländer. In Nordrhein-Westfalen dürfen sonntags unter anderem Bäckereien, Blumenläden, Apotheken, Kioske und Tankstellen öffnen. Auch Geschäfte an Bahnhöfen und Flughäfen sind von den allgemeinen Beschränkungen ausgenommen.
Daneben gibt es Sonderregelungen für Kur-, Ausflugs- und Wallfahrtsorte. In mehr als 100 Orten oder Ortsteilen in NRW sind zusätzliche Sonntagsöffnungen möglich. Dort dürfen auch Waren verkauft werden, die für den jeweiligen Ort typisch sind, etwa Souvenirs.
Kritik von Kirchen und Gewerkschaften
Kirchen und Gewerkschaften lehnen eine umfassende Freigabe der Sonntagsöffnung seit Langem ab. Sie betonen die Bedeutung des freien Tages für Familie, Freizeit und gesellschaftliches Leben.
Der Handel hingegen verweist auf das veränderte Freizeitverhalten. "Warum soll eine Familie nicht auch am Sonntag mal in die Innenstadt gehen, einen Kaffee trinken und danach eine neue Hose kaufen? Auch das kann ja Familienzeit sein", sagt Sven Schulte von der Industrie- und Handelskammer NRW.
Ökonomen sehen Chance für Innenstädte
Auch Ökonomen betonen die Vorteile flexiblerer Öffnungszeiten - insbesondere vor dem Hintergrund des Wettbewerbs mit dem Onlinehandel. "Wenn wir den Einzelhandel stärken wollen, wenn wir die Innenstädte attraktiv machen wollen, dann brauchen wir auch ein Angebot, das entsprechend attraktiv ist", sagte Hubertus Bardt vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft im Gespräch mit dem WDR.
Mit ausgeweiteten Öffnungszeiten will sich der Einzelhandel gegen die Online-Konkurrenz behaupten.
Verdi hält dieses Argument für wenig überzeugend. "Es gibt viele Länder, in denen sonntags geöffnet werden darf. Es ist nicht so, dass der Onlinehandel deswegen weniger verkauft", sagt Nils Böhlke, Gewerkschaftssekretär in der Landesfachbereichsleitung Handel bei Verdi NRW. Menschen kauften online vor allem deshalb ein, "weil da vom Sofa aus bestellt werden kann". Daran ändere auch eine Sonntagsöffnung im stationären Handel wenig.
Auch Gerrit Heinemann, Handelsexperte an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach, weist darauf hin, dass längere Öffnungszeiten nicht automatisch zu mehr Umsatz führen.
"Das Ausgabenbudget der Kunden ist begrenzt. Wenn die Geschäfte sonntags geöffnet sind, verteilt sich das Budget auf mehr Tage. Gleichzeitig haben die Geschäfte höhere Kosten, insbesondere beim Personal." Prof. Dr. Gerrit Heinemann, Hochschule Niederrhein
Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi warnt außerdem vor zusätzlichen Belastungen für die Beschäftigten im Einzelhandel. "Die Beschäftigten haben ohnehin schon sehr familienunfreundliche Arbeitszeiten. Wenn dann noch Sonntage hinzukommen, wird der Job noch unattraktiver", so Nils Böhlke von Verdi.
NRW-Handel will mehr Entscheidungsfreiheit
Der Handelsverband NRW betont, dass flexiblere Sonntagsöffnungszeiten nicht bedeuten, dass jedes Geschäft künftig sonntags öffnen muss. Vielmehr gehe es darum, den Unternehmen die Entscheidung selbst zu überlassen. "Der Handel kann und sollte selbst entscheiden, wann sich eine Öffnung lohnt", so Dr. Peter Achten, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands NRW.
Laut den Plänen der Bundesregierung sollen zum 1. Januar 2027 längere Sonntagsöffnungszeiten für Bäckereien und Konditoreien in Kraft treten. Im Entwurf aus dem Bundesarbeitsministerium heißt es dazu, Bäckereien sollen dann sonntags bis zu acht Stunden öffnen dürfen. Bisher sind in NRW nur maximal fünf Stunden erlaubt. Änderungen für weitere Branchen sind derzeit nicht geplant.
Unsere Quellen:
- WDR-Interview mit Nils Böhlke, Gewerkschaftssekretär in der Landesfachbereichsleitung Handel bei Verdi NRW
- WDR-Interview mit Prof. Dr. Gerrit Heinemann, Hochschule Niederrhein
- WDR-Interview mit Sven Schulte, Industrie- und Handelskammer NRW
- WDR-Interview mit Prof. Dr. Hubertus Bardt, Institut der deutschen Wirtschaft
- Stellungnahme Handelsverband NRW
- Ladenöffnungsgesetz NRW
- Bericht der "Bild"-Zeitung
- Agenturmaterial AFP, epd
Sendung: WDR 5, Das Wirtschaftsmagazin, 06.07.2026, 13:34 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 06.07.2026, 18:45 Uhr
