Post-Filialen ohne Mitarbeiter: Vor- und Nachteile der Alltags-Automatisierung
Aktuelle Stunde . 09.11.2025. 24:07 Min.. UT. Verfügbar bis 09.11.2027. WDR. Von Alexander Roettig.
Deutschlandweit hat die Bundesnetzagentur schon mehr als 70 Automaten als Postfilialen genehmigt. In NRW stehen davon 17 - fast ein Viertel. Zum Beispiel in Kranenburg am Niederrhein, in Neuenkirchen im Münsterland und in Sankt Augustin bei Bonn.
Ein Grund für die Entwicklung ist, dass vor allem auf dem Land auch immer mehr Supermärkte und kleinere Geschäfte schließen - dort gab es bisher oft noch die Möglichkeit, Pakete und Briefe abzugeben. Weil das schwieriger wird, darf die Post seit Anfang des Jahres Automaten aufstellen, die als Postfilialen gelten - wenn die Bundesnetzagentur zustimmt. Bis Ende September gingen bei der Bundesnetzagentur 629 Anträge ein. 72 wurden bereits genehmigt, vier zurückgezogen; der Rest wird noch geprüft.
Post muss flächendeckend Filialen betreiben
Bei der Zulassung geht es um die Frage, ob die Standorte bei der Erfüllung der gesetzlichen Filialnetz-Pflicht angerechnet werden: Die Post muss flächendeckend Filialen betreiben, meistens sind damit Postschalter in Supermärkten, Kiosken und anderen Geschäften gemeint. Automaten stellt sie schon länger auf, diese galten bislang aber nicht als Filialen - eine Filiale mit Menschen betreiben musste sie trotzdem. Wegen einer Gesetzesnovelle hat sich das seit Januar geändert, das nutzt die Post nun.
Bundesweit hat die Post circa 12.600 Filialen. Sollten ihre Anträge abgesegnet werden, bestünde das Filialnetz zu etwa fünf Prozent aus Automaten: An etwa jedem zwanzigsten Filialstandort gäbe es dann keinen Postschalter mehr, an dem ein Mensch bedient.
Um welche Automaten geht es?
Mit Automat gemeint sind sogenannte Poststationen, in denen Pakete abgegeben und abgeholt, Briefmarken gekauft und Briefe eingeworfen werden. Eine Videoberatung gibt es auch. Man bekommt fast alles, was man auch in einer Filiale mit Menschen bekommt. Ein Vorteil der Poststation ist, dass sie rund um die Uhr verfügbar ist.
Packstation der Post
Bundesweit hat die Post mehr als 900 Poststationen. Der Großteil davon spielt bei der Filialnetzpflicht keine Rolle. Sie stehen als Ergänzung vor einer normalen Filiale und gewährleisten, dass die Kundinnen und Kunden Tag und Nacht Briefmarken kaufen oder Pakete abgeben können. Dazu kommen noch 15.600 Packstationen, die nur für Pakete sind.
Was muss die Post leisten?
Die Post ist verpflichtet, in Gemeinden mit mehr als 2.000 Einwohnern eine Filiale zu haben. In zusammenhängend bebauten Wohngebieten darf eine Filiale außerdem nicht weiter als zwei Kilometer entfernt sein. Diese Vorgaben hält die Post aber schon lange nicht ein: Ende September waren es 160 unbesetzte Pflichtstandorte - dort gab es also keine Filiale, obwohl es eine hätte geben müssen.
Um der Filialnetz-Pflicht auf dem Land nachzukommen, betreibt die Post bisher etwa 1.200 Interimsfilialen. Sie schickt eigenes Personal, das in einem Container oder einem zuvor leerstehenden Geschäft eine kleine Postfiliale betreibt, die in der Regel nur für einige Stunden am Tag geöffnet ist. Diese Interimsfilialen möchte die Post loswerden und setzt deshalb nun verstärkt auf Automaten.
Immer mehr Orte ohne Post
Die Zahl der unbesetzten Pflichtstandorte schwankt seit langem. Manchmal ist ein Ort nur für kurze Zeit ein weißer Fleck - dann ist doch wieder eine Filiale zu finden, wenn die Post dort einen neuen Partner gefunden hat. Es handele sich nur um eine Momentaufnahme, sagt die Bundesnetzagentur.
Überraschend ist aber, dass die Zahl der Standorte ohne Filiale im Vergleich zu Juli 2024 um 19 gestiegen ist - obwohl die Filialnetz-Regeln seither erleichtert wurden: 2024 konnten noch keine Automaten angerechnet werden, nun ist das möglich und wird auch gemacht. Trotzdem ging der Wert von Juli 2024 bis September 2025 nach oben statt nach unten. In NRW gab es im September in 13 Orten keine vorgeschriebene Filiale - etwa in Overath-Heiligenhaus im Bergischen Land und in Warstein-Suttrop im Sauerland.
Ein Firmensprecher sagt, man habe für etwa die Hälfte der 160 Standorte bereits Lösungen gefunden, die zeitnah umgesetzt würden. Bei der anderen Hälfte arbeite man intensiv an einer Lösung - entweder durch Filialen oder Poststationen. Mancherorts müssten aber auch andere Beteiligte mitwirken, etwa für die Erteilung einer Baugenehmigung.
Automatenfilialen sollen kein Massenphänomen werden
Bevor die Bundesnetzagentur grünes Licht gibt für die Automaten-Filialen, hört sie die betroffenen Gemeinden an - die Kommunen sind also mit im Boot. Der Präsident des Deutschen Landkreistages, Achim Brötel (CDU), äußert sich zurückhaltend. Klassischen Postfilialen sei grundsätzlich immer der Vorzug zu geben.
Postfilialen seien "wichtige Einrichtungen der Daseinsvorsorge, die jedermann einen einfachen Zugang zum Postnetz bieten", sagt Brötel. Es gehe um Nutzerfreundlichkeit. "Die Nutzerperspektive muss deshalb auch der entscheidende Maßstab sein und nicht etwa das Bestreben der Post, sich ihrer Verpflichtung zur flächendeckenden Gewährleistung ihrer Dienstleistungen auf möglichst einfache Weise zu entledigen."
Auch der Gesetzgeber möchte nicht, dass das Filialnetz irgendwann nur noch aus Automaten besteht. "Ein Automat als Filiale ist zwar nicht ideal, aber besser als nichts - er kann die Situation in strukturschwächeren Gegenden verbessern", sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Roloff. "Es sollte aber kein Massenphänomen werden, sondern eher eine Ausnahme - wenn jeder zwanzigste Standort ein Automat wäre, fände ich das noch angemessen, beispielsweise jeder dritte sollte es aber nicht sein." Nur um Kosten zu senken, dürfe die Post nicht auf Automaten setzen.
Kritik kommt vom Sozialverband VdK
Der Sozialverband VdK sieht das kritisch. Dessen Präsidentin Verena Bentele sagt, das sei ein deutlicher Rückschritt auf dem Weg zu mehr Inklusion: "Postautomaten sind für Rollstuhlfahrer, Kleinwüchsige und Menschen mit Sehbehinderungen häufig nicht nutzbar." Ältere Menschen seien oft auf persönliche Hilfe vor Ort angewiesen. Die Automaten sollten verbessert werden und größere Displays und Bedienelemente mit Brailleschrift bekommen.
Unsere Quelle:
- Nachrichtenagentur dpa