Allein beim Brand im Hürtgenwald sind mehr als 6.000 freiwillige Helfer dabei gewesen. Die meisten von ihnen kommen von der Freiwilligen Feuerwehr, dem THW (Technischem Hilfswerk) und anderen Rettungsorganisationen. Sie sind das Rückgrat des Katastrophenschutzes in Deutschland.
"Ja, und dann geht der Piepser und dann geht's los. Man weiß nie, was kommt." Sven Kämmerling, THW Simmerath
So gibt es beispielsweise im ganzen Kreis Düren keine Berufsfeuerwehr. Erst Kommunen ab 100.000 Einwohner, wie Aachen, müssen die haben. Trotzdem gibt es Hauptamtliche wie Karlheinz Eismar, den langjährigen Kreisbrandmeister Kreis Düren. "Wir hatten an dem Tag sechs Einsätze mit Wald- und Vegetationsbränden, die morgens begonnen haben. (...) Und dann gegen 14:45 Uhr kam der Einsatz im Hürtgenwald." Auch der wurde zuerst von der Ortsfeuerwehr "übernommen", erinnert sich Eismar.
"Irgendwann dachte ich: Jetzt fährst Du besser mal hin." Karlheinz Eismar, Kreisbrandmeister Kreis Düren
Doch schnell wird klar: Die Sache wird größer. Eismar fährt los, um sich die Lage anzuschauen. Die Zuständigkeit für den Brand geht von der Ortsfeuerwehr auf den Kreis über. Doch der rückt auch nicht mit hauptamtlichen Kräften an. Eismar koordiniert die freiwilligen Helfer.
Und er macht noch mehr: "Als wir gemerkt haben, hier kommen wir nicht mit kommunalen Kräften hin, kam die Empfehlung von mir, auch an den Landrat, die Großeinsatzlage auszurufen, weil wir hier über anderes Gerät verfügen können, Bundesmittel, Landesmittel, Hubschrauber. Alles das war notwendig und das ist ein überörtlicher Bedarf, der koordiniert werden muss. Und dafür reicht die Struktur der Feuerwehr vor Ort nicht aus, auch das Personal nicht."
Ein zweites Großfeuer: Das Venn brennt
Mit dem Feuer im Venn kommt dann ein zweiter Brand zur selben Zeit. Damit kommen die regionalen Hilfsorganisationen an die Grenzen ihrer Kapazität und ihrer Kräfte. So wurde zum Beispiel die Ortsgruppe Simmerath des THW bereits im Hürtgenwald eingesetzt. Dann ging es direkt weiter ins Hohe Venn. Denn diesmal ging es darum, die Kollegen der freiwilligen Feuerwehr und die belgischen Kollegen dabei zu unterstützen, dass die Flammen eingedämmt wurden und möglichst nicht auf deutsches Gebiet überschlugen.
"Und jetzt kamen am Ende fünf Tage Vollgas, fünf Tage mit wenig Schlaf, mit anstrengenden Aufbauten, mit anstrengenden Abbauten, anschließend wieder Aufbauten im Hohen Venn. Das ist nicht ohne, das schlaucht ganz schön." Sven Kämmerling, THW Simmerath
Da alle Einsatzkräfte ehrenamtlich unterwegs sind, müssen solche Einsätze auch mit den Arbeitgebern abgesprochen werden. Die sind zwar gesetzlich verpflichtet, ihre Mitarbeiter freizustellen. Aber gerade für kleinere Betriebe ist so ein langer Einsatz existenzgefährdend. Die vorgesehene Ausgleichszahlung von der Kommune ersetzt die verlorene Arbeitskraft nur selten vollständig.
Zusammen mit vielen anderen Helfern haben diese Männer und Frauen verhindert, dass das Feuer vom Hohen Venn sich auch auf deutscher Seite ausbreitet.
Bildquelle: Jens Tervooren"Wir haben ganz selten Probleme mit Freistellungen, weil es hier auf dem Land noch selbstverständlich ist, dass irgendjemand aufräumen muss, wenn der Sturm da war und irgendjemand Wasser bereitstellen muss, wenn die Feuerwehr den Waldbrand löschen muss. Und da sind wir unglaublich stolz drauf und wissen, dass das nicht selbstverständlich ist", betont Kämmerling.
Er kennt als Ortsbeauftragter des THW in Simmerath das Problem. "Wir haben Selbstständige. Wir haben den Schreinermeister, der in der 4-Mann-Schreinerei arbeitet. Und wir haben Leute, wie mich oder andere, die bei einer Behörde arbeiten." Für Kämmerling ist klar, das kann man nicht vergleichen. Jonas Baumgarten, auch bei THW Ortsgruppe Simmerath, ist selbstständiger Elektriker. Manchmal arbeitet er für ein Unternehmen, manchmal direkt für seine Kunden.
Jonas Baumgarten vom THW Ortsverein Simmerath
Bildquelle: Jens TervoorenDie Entscheidung, ob er den THW-Dienst antritt, muss er immer wieder in Ruhe abwägen. "Das ist mein inneres Gewissen. Kann ich das vereinbaren mit der Firma? Ich muss den Kunden womöglich auch manchmal vertrösten. Viele haben tatsächlich Verständnis dafür..." Doch bei Großeinsätzen, wie Hürtgenwald und Hohes Venn, da stellt sich ihm die Frage nicht, da weiß er, er wird gebraucht, um zu helfen.
Freiwillige Rettungskräfte: Reicht das?
Das NRW Innenministerium schreibt auf die Frage, wie wichtig die Arbeit der Freiwilligen Helfer sei: "Ohne ihren Einsatz wären die Herausforderungen bei solchen Ereignissen sicherlich noch größer." Das ist mehr als eine Untertreibung. Ohne Freiwillige wäre kein Feuer unter Kontrolle gebracht worden. Die Herausforderungen wäre nicht "noch größer", sie wäre nicht zu bewältigen.
Der gesamte NRW-Katastrophenschutz baut - so wie in ganz Deutschland - auf dem Ehrenamt auf. Allein in NRW engagieren sich weit über 100.000 Menschen in den öffentlichen Feuerwehren und den anerkannten Hilfsorganisationen, hinzu kommen die Ehrenamtlichen des THW als Bundesanstalt. Deutschlandweit sind über 94 Prozent aller Feuerwehrleute freiwillig.
Katastrophenschutz: Das System muss besser werden!
Nach der Hochwasserkatastrophe 2021 war klar: Der Katastrophenschutz muss besser werden. Jetzt soll eine Verbesserung des "Gesetzes zur Modernisierung des Brandschutzes, der Hilfeleistung und des Katastrophenschutzes" (BHKG) zeitnah im Landtag verabschiedet werden.
NRW-Innenminister Herbert Reul spricht mit Helfern des THW an der deutsch-belgischen Grenze an einer Wassertankstation.
Bildquelle: dpa/Oliver BergDabei geht es einmal mehr ums Geld. Wer bekommt den Verdienstausfall wirklich erstattet? Wer bezahlt wann Fortbildungen für die Freiwilligen Helfer? In vertraulichen Gesprächen stellte sich heraus, dass viele das neue Gesetz nicht als den großen Wurf ansehen.
"Da glaube ich ehrlich gesagt nicht dran, dass wir jetzt in Zukunft mehr Geld vom Land bekommen." Carmen Krämer, Bürgermeisterin Monschau
Dazu komme die schlechte finanzielle Lage der Kommunen. Einsätze wie die im Hohen Venn oder im Hürtgenwald belasten die Haushalte stark. "Das ist für eine kleine Kommune wie unsere mit 12.300 Einwohnern und insgesamt 7 Löschgruppen, die natürlich auch entsprechende Fahrzeuge und Kleidung benötigen, kaum noch zu stemmen", sagt Carmen Krämer, Bürgermeisterin von Monschau.
Dazu kommen immer höhere Auflagen, was die Ausstattung der Feuerwehren angeht. "Und meistens werden die Fahrzeuge größer, dann bedeutet das, man muss auch das Feuerwehrgerätehaus vergrößern." Hier kommt das System zumindest finanziell an seine Grenzen. Ein gewaltiger bürokratischer Aufwand komme noch dazu.
Verbesserung im Ehrenamt: Vieles ist schon auf dem Weg
Doch es gibt auch ganz konkrete Pläne. Im Kreis Düren soll der jetzt schon beeindruckende Campus Stockheim vergrößert werden, damit das Landesinstitut der Feuerwehr und das Notfallbildungszentrum nicht mit den täglichen Einsätzen der Feuerwehr kollidieren.
Der Campus Stockheim
Bildquelle: Jens TervoorenAuch die Städteregion will Gas geben. "Die Städteregion baut grade ihr Katastrophenschutzlager auf, um noch mehr Hilfsmittel zu bevorraten, die uns in den letzten Jahren immer gefehlt haben", sagt Thomas Johnen, Referent Katastrophenschutz Städteregion Aachen.
"Das System greift - bei aller Unzufriedenheit sonst im Alltag - in solchen Lagen immer. (...) Und das hat's jetzt wieder gezeigt, dass die Leute zur Verfügung stehen, wenn man sie braucht!" Thomas Johnen, Referent Katastrophenschutz Städteregion Aachen
Johnen weiß, dass vieles verbessert werden kann, aber System mit den ehrenamtlichen Helfern kann nicht ersetzt werden. "Wenn das ganze Ehrenamt in Deutschland durch hauptamtliche Kräfte geleistet werden müsste? Das ist unbezahlbar." Zumal: "Die Katastrophen nehmen immer mehr zu. Wir erinnern uns, wir sind ja hier auch gebeutelt von Hochwasser, Tornados in Roetgen, jetzt die Brände hier. (...) Die ehrenamtlichen Kräfte brauchen mehr Unterstützung, (...) und wir sind auch auf die Zuarbeit der Arbeitgeber angewiesen."
Helfen ist eine Lebenseinstellung
Die Bilanz von Jonas Baumgarten von der THW-Ortsgruppe-Simmerath ist nach fünf fast schlaflosen Tagen und Nächten eindeutig: "Man freut sich, es motiviert einen, dass man das gemeistert hat, dass man es geschafft hat, diese Einsätze erfolgreich zu beenden. Also für mich ist das so, dass man dann gerne weitermachen möchte, am liebsten ein Leben lang."
Das ist eine Haltung, die wir bei fast allen ehrenamtlichen Helfern gefunden haben. Menschen, denen wir nicht nur nach solchen Einsätzen, sondern täglich "danke" sagen müssen.
Unsere Quellen:
- Eindrücke des WDR-Reporters vor Ort
- Kreis Düren
- Städteregion Aachen
- Innenministerium NRW
Sendung: WDR.de, Katastrophenschutz: Bilanz nach Großfeuern, 26.08.2026, 18:25 Uhr
