Ermittlungen und Umgang mit Anschlägen
Bildquelle: mauritiusAktuelle Stunde . 03.09.2026. 42 Min. 12 Sek.. Verfügbar bis 03.09.2028. WDR. Von Tim Köksalan.
Viele Unternehmen der kritischen Infrastruktur (KRITIS) in NRW investieren bereits seit Jahren verstärkt in einen besseren Schutz ihrer Systeme und Anlagen. Für die meisten ist das auch dringender denn je: Laut einer Studie des Digitalverbandes Bitkom waren in diesem Jahr bereits drei Viertel aller KRITIS-Unternehmen von Datendiebstahl, Sabotage oder Spionage betroffen.
Kritische Infrastruktur in NRW: Schutz in mehreren Stufen
Viele KRITIS-Unternehmen setzen für ihren Schutz auf ein mehrstufiges System: Für den physischen Schutz ihrer Anlagen und Gebäude, wie etwa Umspannwerke, sind in der Regel meterhohe Sicherheitszäune errichtet worden, es gibt elektronische Zugangskontrollen für sensible Bereiche und zumeist eine 24/7-Überwachung durch geschultes Personal sowie Kameras.
Wasserversorger wie zum Beispiel Gelsenwasser aus dem Ruhrgebiet setzen oft auf eine Fernüberwachung durch die sogenannten SCADA-Systeme. Mit diesen wird in Echtzeit der Druck, Durchfluss und die Wasserqualität überwacht - auch weil Wasserwerke oder Pumpstationen oft dezentral liegen und teilweise nicht besetzt sind. Kommt es zu ener Abweichung, merkt das System das.
Umspannwerk: Backup-System hat Angriff abgewehrt
Gerade viele Energieversorger haben sogenannte Redundanzen oder Backup-Systeme angelegt, auf die sie bei Störungen umschalten können, damit die Stromversorgung weiter gewährleistet bleibt - wie auch im Fall Bergheim.
Polizisten nach dem Angriff am Umspannwerk in Bergheim
Bildquelle: IMAGO/Christoph HardtAber auch viele Stadtwerke, ob große Versorger wie die RheinEnergie in Köln oder kleinere wie die Stadtwerke Velbert, sichern sich so ab, erklärt Sascha Vaskowitsch, der technische Leiter in Velbert: "Wir haben Ringnetze, so dass wir so umschalten können, dass der Ausfall möglichst gering ist. Aktuell müsste man sich vielleicht auf 3-4 Stunden Ausfall einstellen."
Kritische Infrastruktur: Großkonzerne mit eigenen Sicherheitscentern
Mit eigenen Sicherheitscenter überwachen Großkonzerne ihre Systeme
Bildquelle: Stadtwerke DüsseldorfGrößere Betreiber wie der RWE-Konzern setzen inzwischen auf ein eigenes 24/7-Security Operation Center, unter anderem mit KI-gestützter Erkennung von Angriffen. Das ist ein Schwachpunkt in der Sicherheitsarchitektur auch vieler NRW-Betriebe: Laut des Lageberichts 2025 des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik hat rund die Hälfte der KRITIS-Unternehmen noch kein System zur Angriffserkennung installiert.
Kleinere und mittlere Versorger, aber auch IT-Unternehmen und Kommunen haben sich bereits zu regionalen Sicherheitsnetzwerken zusammengeschlossen - vor allem, um beim Thema Cybersicherheit gemeinsame Lösungen zu entwickeln und Wissen weiterzugeben, zum Beispiel im Bergischen Städtedreieck.
Als Vorzeigeprojekt gilt das vor zwei Jahren vom Land NRW mit eröffnete Lagezentrum "CyberSec@Wasser" in Essen, das rund um die Uhr die Netzwerke teilnehmender Wasserversorger in NRW und darüber hinaus überwacht. Dafür wurden geschätzt mehrere Millionen Euro investiert.
Viel Nachholbedarf bei kritischer Infrastruktur
Viele KRITIS-Unternehmen müssen jetzt verschärfte Sicherheitsvorgaben umsetzen
Bildquelle: WDRDie seit März geltende KRITIS-Datengesetz des Bundes hat den Kreis der Unternehmen auf rund 30.000 deutlich vergrößert. Sie müssen jetzt deutlich verschärfte Sicherheitsvorgaben umsetzen, von einer 24/7-Anlaufstelle für Sicherheitsbehörden bis zu verpflichtenden Risikoanalysen, Resilienzplänen und Personalsicherheitskonzepten. Vorfälle müssen innerhalb von 24 Stunden gemeldet werden. Bei Verstößen drohen Bußgelder in Millionenhöhe.
Gerade viele kleine und mittlere Unternehmen in NRW sind allerdings noch relativ schlecht gegen digitale Angriffe geschützt. Angriffe durch Hackergruppen richten Milliardenschäden an. Eines der jüngsten Beispiele war das im Frühjahr bekannt gewordene Datenleck an der Uniklinik Köln, wo bei einem Cyberangriff über einen externen Dienstleister rund 30.000 Patientendaten entwendet wurden.
Mehr Rechte und weniger Transparenz für Betreiber kritischer Infrastruktur?
NRW-Innenminister Herbert Reul (l.) will mehr Möglichkeiten für Betreiber
Bildquelle: dpa / Volker DanischNach den jüngsten Angriffen auf Umspannwerke fordert NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) mehr rechtliche Möglichkeiten für die Betreiber kritischer Infrastruktur, etwa für zusätzliche Videoüberwachung von Bereichen rund um sensible Anlagen bis hin zur Möglichkeit, Angriffe auch mit Drohnen abwehren zu dürfen. Dafür müssten aber Gesetze geändert werden.
Auch NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) forderte am Donnerstag: "Der Staat muss im Zweifelsfall die Regeln dafür verändern, dass Betreiber auch verteidigen und schützen können. Wenn wir als Staat nicht überall gleichzeitig sein können, müssen wir die Betreiber zumindest in die Lage versetzen, dass sie es dürfen."
Innenminister Reul kritisiert weiter: Viele Lage- und Leitungspläne von Versorgern seien öffentlich im Netz zugänglich, für ihren Schutz würde er das stärker einschränken wollen. Das fordern auch Energieversorger und -verbände. Transparenz- und Veröffentlichungspflichten sollen überprüft bzw. reduziert werden, so hat es auch die Koalition aus Union und SPD im Bund bereits Anfang des Jahres beschlossen. Ein konkreter Gesetzentwurf liegt bisher aber nicht vor.
Unsere Quellen:
- RWE
- NRW-Innenminister Herbert Reul
- NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst
- BSI-Lagebericht 2025
- KRITIS-Dachgesetz
- Stadtwerke Velbert
- RheinEnergie Köln
- Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft
Sendung: WDR.de, Schutz der kritischen Infrastruktur in NRW, 03.09.2026, 19:57 Uhr.
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 03.09.2026, 18:45 Uhr
