Polizist in einem Feld bei Bergheim

Ein Polizist durchsucht ein Feld in Bergheim

Bildquelle: ddp/Panama Pictures

Fragen nach Stromnetzangriff Wie wir Ungewissheiten besser verkraften

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Wer die Nachrichten verfolgt, begegnet innerhalb kurzer Zeit mehreren bedrohlich klingenden Meldungen. Nicht alle diese Ereignisse haben nach heutigem Kenntnisstand miteinander zu tun. Trotzdem können sie sich im Kopf zu einem diffusen Bedrohungsgefühl verdichten. Gerade wenn noch vieles unklar ist, suchen Menschen nach Erklärungen und Zusammenhängen. Warum fällt es uns so schwer, Ungewissheit auszuhalten?

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Stefan Erdmann
und Raimund Groß

Gerade erst hat die Bundesregierung Russland für den Drohnenangriff am Flughafen Leipzig/Halle verantwortlich gemacht, da werden Angriffe auf Umspannwerke in Brandenburg und Bergheim in NRW bekannt. Und aus Augsburg kommt die Nachricht von einer Explosion nahe des Hauptbahnhofs, deren Hintergrund noch völlig offen ist.

Was hängt zusammen, was nicht? Vieles ist völlig unklar. Bei den Angriffen in Brandenburg und Bergheim hält Brandenburgs Innenminister Jan Redmann inzwischen einen Zusammenhang für wahrscheinlich. Die Anzeichen verdichteten sich, dass sie Teil eines koordinierten Angriffs auf die Energieversorgung seien, erklärte der CDU-Politiker. Der Generalbundesanwalt prüft, die Ermittlungen zu übernehmen.

Fremdstaatliche Sabotage - oder Linksextremismus?

Wer für die Anschläge verantwortlich ist, ist noch nicht geklärt. Zum Fall in Nordrhein-Westfalen sagt Innenminister Herbert Reul: "Wir prüfen zwei Richtungen: fremdstaatlich gelenkte Sabotage und Linksextremismus". Deshalb gilt auch noch am Mittwochabend das, was Terrorismus-Experte Peter Neumann schon morgens im WDR-Interview knapp zusammengefasst hatte: "Wir wissen es momentan noch nicht."

Wenn wir eine Erklärung wollen, aber noch keine haben

"Ungewissheit entsteht, wenn ich keine Informationen habe, keine Fakten habe und keine Idee von Zukunft", sagt Andreas Zick in einem früheren WDR-Interview. Er ist Sozialpsychologe und Konfliktforscher an der Universität Bielefeld. Anders als reine Angst sei Ungewissheit also zunächst einmal ein Zustand, in dem wichtige Antworten fehlen.

Andreas Zick

Andreas Zick ist Konfliktforscher an der Uni Bielefeld

Bildquelle: imago stock

Infrastruktur-Sicherheitsexperte Manuel Atug ist Gründer und Sprecher der Arbeitsgruppe "Kritische Infrastruktur". Der Zusammenschluss von Fachleuten berät unter anderem die Bundesregierung in Fragen des Schutzes von sensiblen Anlagen und IT-Netzwerken.

Atug hält es bei den aktuellen Vorfällen für wichtig, nicht vorschnell zu spekulieren. Auf die Frage, was genau in Bergheim passiert ist, sagte er dem WDR: "Ich kann es schlicht auch nur vermuten, aber das hilft ja nicht." Dass die Ermittler erst den Sachverhalt klären und "nicht mit Mutmaßungen" kommen, finde er seriös.

Vieles davon klingt selbstverständlich. Aber gerade, wenn die Lage bedrohlich wirkt, wächst bei vielen der Wunsch nach einer schnellen Erklärung.

Warum wir schnell nach Mustern suchen

Menschen versuchen, Ungewissheit zu reduzieren. Dabei spielt nicht nur die eigene Wahrnehmung eine Rolle. Zick sieht einen deutlichen Unterschied zwischen persönlichem und gesellschaftlichem Sicherheitsgefühl. In seinen Untersuchungen seien Menschen mit dem eigenen Leben häufig vergleichsweise zufrieden. Sobald es um die Lage des Landes und seine Zukunft gehe, steige die Verunsicherung deutlich. "Je kollektiver es wird, umso stärker sind Menschen verunsichert", sagt Zick.

Oft suchen Menschen dann Orientierung bei anderen, erklärt Zick. Häufig seien das Menschen mit ähnlichen Meinungen. So könnten sich Gruppen und Blasen bilden, in denen sich bestimmte Einschätzungen gegenseitig verstärken.

Smartphones

Bei Verunsicherung suchen Menschen Orientierung bei anderen - oft auch auf Social Media

Bildquelle: WDR / dpa / Christin Klose

Die Äußerungen des Sozialpsychologen und Konfliktforschers entstanden in einem Grundsatzgespräch über gesellschaftliche Unsicherheit und Ungewissheit in Krisenzeiten. Seine Aussagen bezogen sich insbesondere darauf, wie Menschen persönliche und kollektive Unsicherheit wahrnehmen, nach Erklärungen suchen und mit immer neuen Informationen umgehen.

Wenn im Netz aus Einzelheiten Zusammenhänge werden

"Viele Menschen widmen sich dann einfachen Erklärungen, einfachen Lösungen", sagt Zick - und warnt gleichzeitig davor. In einer komplizierten Lage können solche Erklärungen erst einmal entlasten, auch wenn sie durch die Fakten noch gar nicht gedeckt sind.

Magdeburger Attentäter mit Laptop

Ein Bild aus dem Gerichtsprozess um die Amokfahrt in Magdeburg 2024 wird gerade häufiger geteilt

Bildquelle: dpa/ Jan Woitas

Wie schnell dabei vermeintliche Zusammenhänge entstehen, zeigt sich im Moment auf TikTok: Unter Beiträgen zu den aktuellen Vorfällen wird ein Bild geteilt, auf dem ein Mann einen Laptop mit der Aufschrift "Sept. 2026" hochhält. In Kommentaren wird das als eine Art Vorhersage für die aktuellen Ereignisse gedeutet. Das Bild selbst ist echt: Es stammt aus dem Gerichtsprozess um die Amokfahrt auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt 2024.

Einen Beleg dafür, dass das dort gezeigte Datum etwas mit den aktuellen Angriffen auf die Strom-Infrastruktur zu tun hat, gibt es aber nicht. Taleb A., der Todesfahrer von Magdeburg und Mann auf dem viralen Foto, war vor Gericht durch wirre Aussagen aufgefallen. Mit dem Datum auf seinem Laptop hatte er auf die anstehende Wahl in Sachsen-Anhalt hinweisen wollen.

Vorfall am Amprion-Umspannwerk | WDR aktuell

Bildquelle: WDR/Oliver Köhler

WDR 2 Min. 37 Sek. Verfügbar bis 02.09.2028

Wenn jede neue Nachricht neue Fragen aufwirft

"Die Geschwindigkeit, die Frequenz, in der wir ungewisse Informationen bekommen, nimmt ein Ausmaß an, das an Komplexität kaum noch zu überbieten ist", so Zick weiter. Kaum scheine etwas klarer, könne die nächste Information wieder neue Ungewissheit erzeugen.

Was also tun, wenn einen die Nachrichtenlage zunehmend beschäftigt? Dazu hat sich Psychotherapeut Christian Lüdke gegenüber dem WDR geäußert. Er rät, zwischen gesicherten Fakten, offenen Fragen und eigenen Befürchtungen zu unterscheiden. Nachrichten sollte man aus wenigen verlässlichen Quellen und nicht fortlaufend beziehen. "Das Ziel ist also nicht Wegsehen, sondern dosiertes Hinsehen", sagt Lüdke. Informiert zu sein bedeute nicht, rund um die Uhr neue Meldungen zu verfolgen.

Christian Lüdke

Psychotherapeut Christian Lüdke rät zu dosiertem Nachrichtenkonsum

Bildquelle: WDR / picture alliance / ZB / Karlheinz Schindler

Das bedeutet nicht, Gefahren auszublenden. Auch Manuel Atug warnt davor, Angriffe auf kritische Infrastruktur wie in Bergheim und Brandenburg kleinzureden. Das Stromnetz konnte die Ausfälle in Bergheim zwar auffangen. Beliebig viele Ausfälle lassen sich aber nicht kompensieren.

Eine Gefahr ernst zu nehmen heißt also nicht, jede offene Frage sofort beantworten zu müssen. Verlässliche Informationen helfen. Manchmal gehört es aber auch dazu, zu akzeptieren, dass es noch keine belastbaren Antworten gibt.

Unsere Quellen:

  • WDR 5-Morgenecho: Interview mit Peter Neumann, 02.09.2026
  • WDR-Interview mit Manuel Atug, 02.09.2026
  • Statements von Christian Lüdke auf WDR-Anfrage, 02.09.2026
  • Nachrichtenagenturen dpa und Reuters
  • WDR 5 Philosophisches Radio Spezial: Interview mit Andreas Zick, 06.06.2026
  • Eigene Beobachtungen auf TikTok

Sendung: WDR Fernsehen, WDR aktuell, 02.09.2026, 12:45 Uhr

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