Nach Tod von Erntehelfern : Wie sind ausländische Beschäftigte geschützt?
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Zwei Erntehelfer kommen im Mai 2025 wegen eines nicht fachgerecht installierten Durchlauferhitzers ums Leben. Jetzt steht ihr Vermieter vor Gericht. Was der Fall über die Wohnsituation von mobilen Beschäftigten verrät und wieso Kontrollen fehlen.
Die beiden Erntehelfer waren erst 19 und 23 Jahre alt. Sie kamen aus Rumänien, um auf einem Obstbetrieb Geld zu verdienen, waren erst ein paar Tage in Deutschland. Statt in der Unterkunft des Betriebes wohnten sie im Haus eines anderen Rumänen. Eine Entscheidung, die ihnen das Leben kostete.
Außer dem Paar wohnten noch etwa 20 weitere Menschen in dem Haus, viele davon Kinder. Der Vermieter, ein 43-jähriger Rumäne, steht jetzt vor Gericht. Im Prozess geht es um die Frage, ob der Vermieter eine Mitschuld an dem Tod des Ehepaares trägt. Die Anklage: "Fahrlässige Tötung."
Erntehelfer wollten lieber privat unterkommen
Auch Karin Wittrock hat auf einem der Zuhörer-Plätze im Sitzungssaal eins des Amtsgerichtes Höxter Platz genommen. In ihrer Obstplantage hat das Ehepaar gearbeitet: "Die Sache ist mir unangenehm", sagt sie. Karin Wittrock war nach dem Tod der beiden zu Besuch in Rumänien, um den Sohn der beiden toten Erntehelfer zu besuchen.
"Wenn wir nun keine Erdbeeren hätten, wären die beiden nie hergekommen." Karin Wittrock, Wittrock Obstplantagen
"Die Mutter des Verstorbenen macht uns Vorwürfe", sagt Karin Wittrock. Und weiter "weil wir den beiden geglaubt haben, dass sie lieber bei Bekannten unterkommen wollen." Der Angeklagte stellte auch den Kontakt zwischen den Erntehelfern und dem Hof her. Dort gibt es eine extra Unterkunft für die Erntehelfer. Die wird auch an Handwerker oder für Feiern vermietet.
So sehen die Unterkünfte auf dem Hof Wittrock aus.
Bildquelle: WDR/Katharina BöhmerWas die beiden Erntehelfer dazu gebracht hat in das Haus in Höxter-Lüchtringen einzuziehen, wird vor Gericht nicht klar. Die beiden Geschwister, die auch mit dem Paar in das Haus gezogen sind, erscheinen nicht zum Gerichtstermin.
Arbeiterunterkünfte werden besser
Szabolcs Sepsi berät für das Projekt "Faire Mobilität" des Deutschen Gewerkschaftsbundes Beschäftigte aus Mittel- und Osteuropa auf ihrer Muttersprache. Er kennt die Herausforderungen der "mobilen Beschäftigten", wie er sie nennt: "Oft sind die Unterkünfte stark überteuert oder auch überbelegt oder die Bedingungen sind nicht gut. Extrem schlechte Bedingungen, wo gegen Brandschutz oder die Sicherheit verstoßen wird, sind heute tatsächlich viel seltener als das noch vor zehn Jahren der Fall war."
Der Fall Lüchtringen ist für ihn "das zusammenkommen vieler unglücklicher Umstände." Offizielle Unterkünfte seien mittlerweile gut kontrolliert, zwar nicht luxuriös, aber in Ordnung. In diesem Fall sei die Vermietung privat gewesen. "Es ist aber auch eine zusätzliche Abhängigkeit, wenn ich mich durch meinen Arbeitgeber unterbringen lasse."
Recruiter verdienen an Erntehelfern
„Mit der Vermietung wird auch gutes Geld gemacht“, sagt Szabolcs Sepsi. Wie vor Gericht bekannt wurde, verlangte der Angeklagte 250 Euro Miete von den Erntehelfern obwohl das Haus noch renoviert wurde. Eigentlich gäbe es strenge Regeln für Vermittler, "aber das sind oft Privatpersonen, die dann als Privatpersonen diese Regelungen umgehen.“
Vor allem in der Fleischindustrie sei durch das Arbeitsschutzkontrollgesetz aber schon viel verbessert worden, sagt Szabolcs Sepsi. Früher seien "menschenunwürdige Zustände" normal gewesen. Recruiter verdienen auch heute noch mit. "Recruiter wirken wie Ansprechpartner, weil die Arbeitgeber die Aufgaben sich um die Menschen zu kümmern an die Recruiter abwälzen“, sagt Sepsi.
Mit diesem Bulli kommen die Erntehelfer nach Deutschland.
Bildquelle: WDR/Katharina BöhmerAuf dem Hof von Karin Wittrock organisiert ein Rumäne den Transport der Erntehelfer. Die Arbeiter zahlen ihm 150 Euro dafür. Rund 150 Helfer kommen jede Saison. Über die Jahre habe sich ein Netzwerk aufgebaut und viele Erntehelfer würden schon seit Jahren kommen, sagt Karin Wittrock. "Üblich ist, dass sie bei uns schlafen." Man versuche die Miete für die Erntehelfer möglichst gering zu halten. Für Handwerker oder Veranstaltungsgäste gelte aber ein ortsüblicher Preis. So versucht der Hof die Kosten zu kompensieren.
Kontrollen nur punktuell
Kontrollen gibt es nur spärlich. Wie die Stadt Höxter mitteilt seien keine anlasslosen Kontrollen vorgesehen: "Kontrollen erfolgen vielmehr anlassbezogen, beispielsweise wenn konkrete Hinweise, Beschwerden oder Erkenntnisse über mögliche Verstöße vorliegen." Das gelte für gewerbliche wie private Unterkünfte.
Zum Fall Lüchtringen heißt es, man habe die Zuständigkeiten noch einmal überprüft: "Unter anderem wurden die im Gebäude vorhandenen Gasbehälter beziehungsweise die entsprechende gasbetriebene Anlage ausgebaut." Aber für die beiden Erntehelfer kommt jede Kontrolle zu spät. Ihre Geschichte zeigt ein komplexes System für Arbeitskräfte aus dem Ausland. Ob jemand de Verantwortung für ihren Tod trägt, wird das Amtsgericht Höxter noch entscheiden.
Das Amtsgericht Höxter verhandelt den Fall.
Bildquelle: WDR/Katharina BöhmerUnsere Quellen:
- Recherche der WDR-Reporterin vor Ort
- Amtsgericht Höxter
- Stadt Höxter
- Gespräch mit Szabolcs Sepsi, Faire Mobilität
- Gespräch mit Karin Wittrock
Sendung: WDR 2, WDR 2 für Ostwestfalen und Lippe, 25.08.2026, 13:29 Uhr
