Mit nur 15 Jahren hat sich ihr Sohn das Leben genommen.

Bildquelle: WDR/Josef Kaiser

WDR 6 Min. 17 Sek. Verfügbar bis 10.09.2028

Suizid-Präventionstag in Bonn "Ich habe mein Kind nicht beschützen können"

Stand:

Mit vielen Infoangeboten haben heute Vereine, Verbände und Angehörige für mehr Offenheit im Umgang mit dem Thema Suizid geworben. Unter dem Motto “Reden kostet nichts, schweigen schon” ging es vor allem darum, Warnsignale rechtzeitig zu erkennen, sich helfen zu lassen oder anderen helfen zu können. Veranstaltet wurde der Suizid-Präventionstag vom Bonner Netzwerk Suizidprävention.

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Josef Kaiser

Eine, die in die Bonner Innenstadt gekommen ist, ist Geraldine Henseler-Kovacic aus Köln. Ihr Sohn war gerade mal 15, als er sich im März 2024 das Leben nahm. Er litt unter Depressionen. Vid hatte seinen Eltern ein halbes Jahr vorher von seinen Suizid-Gedanken erzählt.

Die Familie hatte sich Hilfe gesucht, gemeinsam eine Therapie begonnen.

Wir sahen uns auf einem guten Weg, es schien ihm besser zu gehen, aber er hat sich dann doch dazu entschlossen zu gehen. Geraldine Henseler-Kovacic, Mutter

Inzwischen engagiert Henseler-Kovacic sich gemeinsam mit ihrem Mann Damir in der Selbsthilfegruppe AGUS in Lohmar, in der sich regelmäßig trauernde Eltern und Angehörige treffen.

Wie viele Menschen sind betroffen?

Laut Angaben des Statistischen Bundesamts starben im Jahr 2024 in Deutschland mehr als 10.000 Menschen durch Suizid. Bei Menschen unter 25 Jahren ist Selbsttötung die häufigste Todesursache.

Eine Frau und ein Mann stehen nebeneinander, sie tragen T-Shirts mit der Aufschrift "Suizid mit 15".

Geraldine und ihr Mann Damir

Bildquelle: WDR

Wie viele andere Angehörige in der Bonner Innenstadt trägt auch das Ehepaar heute ein T-Shirt mit einem Foto ihres toten Kindes. So wollen sie dem Thema "ein Gesicht geben". Wir haben heute vor der Bonner Kreuzkirche sehr ausführlich mit Geraldine Henseler-Kovacic über den Tod von Vid und die Zeit danach gesprochen.

Gab es Anzeichen, dass ihr Sohn suizidgefährdet ist?

Henseler-Kovacic: Also bei meinem Sohn war das so, der hat immer eine Maske getragen. Der hat immer gesagt "es geht, es geht, es geht", und hat keine Reaktionen gezeigt. Eine Woche bevor er gegangen ist, war er richtig gut drauf. Er hatte gute Laune, hat bei Freunden übernachtet und mit seiner Schwester einen Spieleabend gemacht. Und ich dachte, "Hey, wir sind jetzt richtig auf dem Weg." Dann kam der Anruf.

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Haben Sie sich Vorwürfe gemacht oder gefragt, ob Sie es hätten verhindern können?

Henseler-Kovacic: Natürlich! Nachdem es passiert ist, habe ich gegoogelt. Und da stand dann, dass man dieses und jenes hätte machen können. Ich bin dann alles noch mal durchgegangen, was ich gemacht habe und hatte dann das Gefühl, dass ich vieles falsch gemacht habe. Das war dann so schlimm, dass ich zusammengebrochen bin. Erst nach einem Klinikaufenthalt und einer Reha wusste ich, dass ich nicht schuld bin. Aber trotzdem sind die Schuldgefühle da, weil ich als Mutter versagt habe. Ich habe mein Kind nicht beschützen können.

Wie und wo haben Sie Hilfe gefunden?

Henseler-Kovacic: Also, wir haben ziemlich zügig Hilfe bekommen von der AGUS-Selbsthilfegruppe, weil die waren sehr schnell da und haben gesagt: Ihr könnt kommen, wir sind da für euch. Da habe ich auch gemerkt, dass wir alle leiden. Und mir wurde klar, dass ich darüber reden muss. Ich bin ansonsten eine sehr offene Person, und ich habe gemerkt, ich muss das erzählen. Das ging lange Zeit nicht. Aber heute denke ich: Vielleicht kann ich ja mit meinen Erfahrungen helfen, Menschen zu retten. Es gibt so wenige Angebote für Eltern. Was machen Eltern mit depressiven Kindern? Die werden einfach alleine gelassen.

Ein gelbes Banner mit violetter Schrift, darauf: reden kostet nichts, schweigen schon.

Zum Welttag der Suizidprävention informieren Angehörige, Vereine und Verbände.

Bildquelle: WDR/Josef Kaiser

Wie wichtig ist ein Tag wie heute?

Zwei Frauen stehen an einem Tisch, an Ihren T-Shirts sind gelbe Schleifen befestigt.

Geraldine Henseler-Kovacic beim Suizid-Präventionstag in Bonn

Bildquelle: WDR/Josef Kaiser

Henseler-Kovacic: Der Tag ist mega wichtig. Der ist super anstrengend, also emotional, aber der ist super wichtig. Schon während des Aufbaus haben uns Leute angesprochen, was ich super fand. Schade ist nur, das es nur ein Tag im Jahr ist.

Hat ihr Sohn Vid etwas hinterlassen?

Vid hat uns Abschiedsbriefe hinterlassen. Er hat auch manche Briefe zerrissen. Die hat er aber nicht weggeschmissen, die hat er neben sich gelegt. Die haben wir dann später wieder zusammengesetzt und denjenigen gegeben, an die sie gerichtet waren. Wir als Eltern haben nur ganz wenige Dinge behalten. Am Tag der Beerdigung durften alle seine Freunde sich aus seinem Zimmer was nehmen - die ganzen Anziehsachen, Kuscheltiere, alles haben wir weitergegeben. Wir wollten nicht, dass das Fremde kriegen und wir wollten es auch nicht wegschmeißen.

Grab von Vid auf dem Kölner Ost-Friedhof.

Vids Grab auf dem Kölner Ost-Friedhof

Bildquelle: WDR

Das Interview führte Josef Kaiser am 10. September 2026. Es wurde gekürzt ohne den Inhalt wesentlich zu verändern.

Wichtig: Wenn ihr selbst von Suizidgedanken akut betroffen seid oder jemand in eurem Umfeld, sucht euch bitte Hilfe. Ihr könnt jederzeit die Telefonseelsorge unter 0800 / 111 0 111 anrufen. Bei unmittelbarer Suizidgefahr ist es notwendig, schnell Hilfe zu holen. Zögert nicht die 112 anzurufen, wenn ihr selbst oder jemand aus eurem Umfeld akut gefährdet ist. Auch über den medizinischen Notdienst unter 116 117 steht in akuten Krisen außerhalb regulärer Sprechzeiten schnelle und qualifizierte Hilfe zur Verfügung. Hier findet ihr einen Überblick über Beratungsstellen - sowohl für Betroffene, als auch für Angehörige:

Unsere Quellen:

Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit aus Bonn, 10.09.2026, 19.30 Uhr

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