Pestizide im Rhein

Aktuelle Stunde 11.07.2025 19:00 Min. UT Verfügbar bis 11.07.2027 WDR Von Oliver Köhler

Chempark Leverkusen leitet giftiges Pestizid in den Rhein

Stand:

Jede Woche fließt mit dem Abwasser des Chemparks Leverkusen ein Kilogramm des in der Europäischen Union verbotenen Pestizids Cyproconazol in den Rhein. Das geht wohl seit Jahren so, ist aber legal.

Von Oliver Köhler

Hunderte Kilogramm des hochgiftigen Stoffes Cyproconazol sind vom Chempark Leverkusen aus ins Wasser gelangt. Das geht aus Daten des nordrhein-westfälischen Wasser-Informationssystems ELWAS hervor, die der WDR ausgewertet hat.

Cyproconazol ist nicht nur für Pflanzen und Tiere im Wasser extrem schädlich. Der Giftstoff wirkt auch zerstörerisch auf den menschlichen Körper. Laut Gefahrstoffinformationssystem der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (GESTIS) kann das Pestizid Leberschäden verursachen. Noch beunruhigender: Cyproconazol kann die Entwicklung von Kindern im Mutterleib beeinträchtigen.

Giftige Pestizide im Rhein

WDR Studios NRW 11.07.2025 00:21 Min. Verfügbar bis 11.07.2027 WDR Online

Verwendung von Cyproconazol in der EU verboten

"Weil der Stoff so schwere gesundheitliche Schäden bei Menschen und Tieren verursachen kann, hat die Europäische Union das Pestizid Cyproconazol 2021 vom Markt genommen", sagt Paul Kröfges, Wasserexperte des Umweltverbandes BUND, dem WDR. Bis zum 30. November 2022 mussten alle Restbestände des Pestizids in der EU verbraucht und danach sicher entsorgt werden.

Der WDR hat den Chemparkbetreiber Currenta und die Kölner Bezirksregierung gefragt, wie es sein kann, dass ein seit 2021 nicht mehr zugelassener gesundheitsschädlicher Stoff kilogrammweise in Leverkusen in den Rhein geleitet wird.

Produktion in Leverkusen ist trotz EU-Verbots legal

Fast zeitgleich schicken Currenta und die Kölner Bezirksregierung die haargenau gleiche schriftliche Erklärung. In beiden Antwortschreiben heißt es: "Es trifft zu, dass Cyproconazol in der EU seit 2021 nicht mehr zur Verwendung zugelassen ist – dies betrifft allerdings nicht die Produktion und den Export in Nicht-EU-Staaten."

Die Bezirksregierung erklärt zusätzlich: "Produktionsbedingt gelangt der Stoff ins Abwasser." Cyproconazol wird also weiterhin im Leverkusener Chempark hergestellt und in Länder außerhalb der EU exportiert.

Umweltverbände wie der BUND setzen sich seit Jahren dafür ein, dass chemische Stoffe, die in der EU nicht mehr verwendet werden dürfen, hier auch nicht mehr hergestellt werden.

"Es ist ja nicht nachvollziehbar, dass die EU sagt, das ist zu gefährlich und zu giftig für die Menschen hier und gleichzeitig werden die Giftstoffe über das Abwasser der Produzenten weiter in die Umwelt geleitet", sagt BUND-Experte Kröfges.

Die Produktion und auch die Einleitung von Cyproconazol in den Rhein ist aber legal. Stoppen könnte das nur ein Gesetz. Das ist aber nicht in Sicht.

Erneut hohe PFAS-Mengen im Rhein

Vollkommen legal sind auch die zum Teil sehr großen Mengen der sogenannten Ewigkeitschemikalie PFAS, die aus dem Leverkusener Chempark in den Rhein gepumpt werden. PFAS bauen sich in der Umwelt nicht ab, sondern reichern sich in Pflanzen und Tieren an. Auch bei Menschen nimmt die Belastung mit PFAS zu. Einige PFAS-Verbindungen gelten laut Umweltbundesamt als krebserregend.

Aus erst kürzlich veröffentlichten Abwasserdaten geht hervor, dass der Chemparkbetreiber Currenta im März zeitweise fast zwei Kilogramm PFAS pro Tag in den Rhein geleitet hat. Das ist das 50-fache des in Nordrhein-Westfalen geltenden Orientierungswertes für PFAS-Belastungen im Abwasser.

Verursacher nicht gefunden

Die für die Kontrolle der Chemiebetriebe zuständige Kölner Bezirksregierung erklärt dazu: "Currenta selbst hat uns seinerzeit über die erhöhten Befunde informiert und Recherchen unternommen. Der Bereich, aus dem der Eintrag resultierte, konnte eingegrenzt, aber kein Verursacher ausgemacht werden."

In NRW gilt für Umweltbehörden die Regel: Sobald im Abwasser der Orientierungswert von 35 Gramm PFAS pro Tag überschritten wird, "erfolgt eine Ursachenermittlung und werden Gegenmaßnahmen eingeleitet".

BUND fordert Aufklärung und Gegenmaßnahmen

Im Fall der Einleitung von fast zwei Kilogramm PFAS pro Tag in den Rhein in Leverkusen wird das schwierig. Denn wenn noch nicht einmal bekannt ist, wer der Verursacher ist, lassen sich auch keine Gegenmaßnahmen treffen. "Da ist es dringend erforderlich, dass die Bezirksregierung die Sache nicht auf sich beruhen lässt, sondern selbst nachforscht, woher die großen Mengen kommen", fordert Wasserexperte Paul Kröfges vom BUND.

Der Chempark-Betreiber Currenta schreibt dazu ganz allgemein: "Gemeinsam mit den produzierenden Unternehmen an unseren Chempark-Standorten suchen wir kontinuierlich nach Lösungen, um Emissionen weiter zu reduzieren."

Unsere Quellen:

  • Bezirksregierung Köln
  • BUND
  • Currenta
  • Informationssystem ELWAS
  • Informationssystem GESTIS
  • Umweltbundesamt

Über dieses Thema berichten wir am 11. Juli 2025 auch im WDR Fernsehen: Lokalzeit Köln, 19.30 Uhr.

Weitere Beiträge aus Leverkusen

1 / 2