Feuerwehr Herne mit neuem Konzept für Hitzeopfer

Bildquelle: WDR / Dirk Planert

WDR 3 Min. 14 Sek. Verfügbar bis 18.08.2028

Neue Taktik gegen Hitzetod Im Sack voller Eis ins Krankenhaus

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In diesem Sommer bekommen viele Menschen Hitzschläge. In Herne retten die Notdienste mit einer neuen Strategie Leben.

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Dirk Planert

Patienten mit Sonnenstich oder Hitzekollaps gab es schon immer. Aber keine mit Hitzschlag. Allein in der Hitzewoche Ende Juni mussten die Rettungskräfte in Herne innerhalb von zwei Tagen 30 Patienten behandeln. Bei einem Hitzschlag liegt die Körpertemperatur über 40,5 Grad. Es besteht akute Lebensgefahr. Jetzt reagiert der Rettungsdienst: mit Körpersack, Wasser, Eis und angepasster Taktik.

Dr. Holger Wißuwa ist der ärztliche Leiter des Rettungsdienstes der Feuerwehr Herne. Um die neue Taktik zu demonstrieren, hat er eine Übungspuppe als Patienten vorbereitet. Sie ist aus Weichplastik und sieht aus wie ein Mann mittleren Alters mit normaler Figur. Handelte es sich um einen echten Patienten, läge die Körpertemperatur bei 40,5 Grad. Er liegt bereits in einem Körpersack auf der Trage im Rettungswagen.

Aggressive Kühltherapie vor Ort

Der Notarzt kippt zehn Liter Wasser in den Sack. Währenddessen fährt ein Feuerwehrmann an der Wache mit Blaulicht los. Er hat fünf bis zehn Kilogramm Eiswürfel in einer Kühlbox dabei. Am Rettungswagen angekommen, springt der Feuerwehrmann mit dem Eis in den Wagen und Dr. Wißuwa kippt die Eiswürfel zu den zehn Litern Wasser in den Körpersack. Mit dem Klebeband wird die Folie enger geklebt, Wasser und Eis verteilen sich besser. Die Körpertemperatur sinkt nun.

"Der Klimawandel und die Erderwärmung sind jetzt körperlich spürbar bei den Patienten angekommen", sagt Dr. Holger Wißuwa. Die Versorgung von Hitzschlagpatienten müsse grundsätzlich geändert werden. "Es geht jetzt nicht mehr darum, den Patienten schnellstmöglich zu transportieren, sondern wir müssen eine intensive bis aggressive Kühltherapie noch vor Ort einleiten". Wißuwa ist leidenschaftlicher und erfahrener Notarzt.

In der Woche vom 22. bis 28. Juni dieses Jahres starben bundesweit 9.600 Menschen wegen der extremen Hitze. Das sind Berechnungen des Robert-Koch-Instituts (RKI). In Herne, Dortmund und anderen Ruhrgebietsstädten gab es so viele Einsätze, dass die Rettungsdienste alles in den Einsatz bringen mussten, was Räder und ein Blaulicht hat.

"Der Hitzschlag war für uns wie ein Vulkanausbruch oder ein Tsunami. Wir kannten das nicht." Dr. Holger Wißuwa

Lösung aus der Militärmedizin

Dr. Wißuwa hat Konsequenzen daraus gezogen. Er wertete 580 hitzebedingte Einsätze aus, suchte eine Lösung und fand sie in der taktischen Militärmedizin. Aus den Kampfeinsätzen in Wüstenregionen gibt es dort Erfahrungen mit dem Hitzschlag. Mit diesem Vorgehen soll nun das Leben von Hitzschlagpatienten in Herne gerettet werden.

Feuerwehrmann Sam holt das Eis aus der Gefriertruhr und fährt es mit Blaulicht zum Patienten

Für den Notfall liegt immer genügend Eis in der Wache.

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Deshalb gehören seit Kurzem in jeden Rettungswagen zusätzlich ein Körpersack, ein 10-Liter-Faltkanister und starkes Klebeband. In der Wache steht eine neue Kühltruhe, gefüllt mit Eiswürfeln in Plastikbeuteln.

60 Prozent Sterblichkeit bei Hitzschlag

Der entscheidende Unterschied zur bisherigen Einsatztaktik: Der Patient wird noch am Einsatzort gekühlt und nicht erst im Krankenhaus. In der Notfallmedizin heißt es: "Zeit ist Leben!". Die Sterblichkeitsquote bei Hitzschlag liegt bei bis zu 60 Prozent, erklärt Dr. Wißuwa. Zum Vergleich: Bei einem Herzinfarkt sterben etwa zehn Prozent der Patienten. Erst wenn die Körpertemperatur auf 39,5 Grad gesunken ist, wird der Patient ins Krankenhaus transportiert.

"Um ein Grad weniger Körpertemperatur zu erreichen, dauert es etwa zehn Minuten", erklärt der Chef der Herner Notärzte. Der Rettungswagen kann also nach 20 bis 30 Minuten starten. Vorher wird die Trage aus dem Rettungswagen gezogen, der Körpersack wird seitlich aufgeschnitten und das Wasser wird abgelassen. Wer Krimis kennt, der weiß: Der Körpersack ist eigentlich ein Leichensack. In diesem Fall nicht, denn jetzt rettet er Leben. Eine improvisierte, aber schnelle und funktionierende Lösung.

Sobald der Patient herunter gekühlt ist, wird das Eiswasser abgelassen.

Sobald der Patient herunter gekühlt ist, wird das Eiswasser abgelassen.

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Die Analyse der 580 Herner Hitzeeinsätze habe weitere Erkenntnisse gebracht, sagt Dr. Holger Wißuwa: Besonders ältere Menschen seien gefährdet und Patienten mit chronischen Vorerkrankungen wie zum Beispiel bei der Lungenerkrankung COPD oder Herzinsuffizienz. "Auch Menschen, die Medikamente einnehmen, die die Wärmeabgabe stören, wie entwässernde Medikamente, antiallergische Medikamente oder Psychopharmaka. Die stören die Wärmeabgabe und gefährden Patienten bei Hitze."

Deshalb der Rat der Herner Feuerwehr: "Passen Sie auf sich auf und gucken Sie auf die anderen. Wie geht es den Eltern, den Großeltern, dem Nachbarn?" Sorgen müsse man sich dann machen, wenn der andere seltsam werde. Wenn er verwirrt sei, wenn er Konzentrationsstörungen habe, wenn er nicht mehr schwitze, wenn seine Urinproduktion nachlasse.

Notruf wählen und kühlen

"Wenn Sie als Laie einen Menschen mit einer derart hohen Temperatur antreffen, dann gibt es nur eines: Notruf 112!" Solche Patienten seien extrem gefährdet und müssen vom Rettungsdienst sofort versorgt werden.

Dr. Wißuwa rät, schon vor Ort mit einer Kühltherapie zu beginnen: "Sie können kühle Tücher verwenden, Sie können Eispacks nehmen, Sie können auch Gefriergut aus Ihrer Kühltruhe verwenden. Das legen Sie auf den Körper, wo große Gefäße laufen, in die Leiste und in die Achsel."

Unsere Quellen:

  • Gespräch mit Dr. Holger Wißuwa, Feuerwehr Herne
  • Reporter vor Ort

Sendung: wdr.de, "Feuerwehr Herne mit neuem Konzept für Hitzeopfer", 18.08.2026, 05:00 Uhr

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