Wohnen in alten Büro- und Geschäftsräumen

WDR 03:24 Min. Verfügbar bis 22.07.2028

Wohnungsnot in NRW Warum alte Firmenbüros hier helfen können

Stand:

Vor allem in den NRW-Großstädten ist Wohnraum rar. Umbauten in früheren Büros und Geschäften sollen helfen, das Problem zu lösen.

Gleich könnte hier einen der Pförtner anknurren - so gut ist der Eingangsbereich des alten Stinnes-Hochhauses am Rhein Ruhr Zentrum in Mülheim noch in Schuss. "Wenn das mal hier wieder bewohnt wird oder bespielt werden würde, würde ich mich sehr freuen." Maik Westhoff kennt das 18 Stockwerke hohe Bürogebäude wie seine Westentasche.

Ende 1999 hat sich der Essener zum ersten Mal hier um die Haustechnik gekümmert. Damals noch für den Logistik-Konzern Stinnes, danach bis 2017 für den Chemieriesen Brenntag. Bald könnte wieder Leben einziehen. Der neue Eigentümer, die Eurofund Gruppe, dem seit 2023 auch das angrenzende Rhein Ruhr Zentrum gehört, will den Turm aus den 70er Jahren großflächig umbauen.

Gute Bausubstanz

Geschäftsführer Olaf Ley könnte sich hier bis zu 170 Wohnungen, Gastronomie oder auch eine Arztpraxis vorstellen. Ein Abriss macht nach intensiver Prüfung für ihn keinen Sinn: "Wir kennen ja auch das Rhein-Ruhr Zentrum. Das hat über die Jahre eine sehr gute Qualität behalten, weil von vornherein mit sehr guten Materialien gebaut wurde."

Geschäftsführer und Technikleiter stehen im Bürogebäude

Olaf Ley, Geschäftsführer beim Eigentümer Eurofund, und sein stellvertretender Technikleiter Maik Westhoff wollen das Bürohaus wiederbeleben.

Trotzdem wird er viel Geld in die Hand nehmen müssen. Rund 50 Millionen Euro schätzt Ley. Fenster, Fassade, Energieversorgung - alles kommt unter die Lupe, muss teilweise entfernt oder erneuert werden. Und loslegen kann er auch erst in ein, zwei Jahren. Es braucht neben Gutachten auch eine Änderung des Bebauungsplans und eine Baugenehmigung. Die Politik in Mülheim will das offenbar schnell erledigen.

In NRW fehlen viele Wohnungen

NRW braucht Wohnraum - und das nicht zu knapp. Nach Berechnungen des Forschungsinstituts Pestel fehlen bei uns aktuell rund 376.000 Wohnungen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch viel Leerstand: Alte Fabrikgebäude, Büros und Geschäfte in guten Lagen, die teils seit Jahren nicht mehr genutzt werden.

Neues Förderprogramm der Bundesregierung

Diese beiden Probleme geht das Bundesbauministerium seit Anfang Juli mit dem Programm "Gewerbe zu Wohnen" an. Wer leerstehende Gewerbe-Immobilien zu Wohnungen umbaut, erhält eine Förderung - pro Wohnung bis zu 30.000 Euro Zuschuss, die nicht zurückgezahlt werden müssen. Bedingung dabei: Das Gebäude muss künftig hohen Standards in Sachen Dämmung, Heizen und erneuerbarer Energie entsprechen.

Aber wie genau könnte eine solche Umnutzung aussehen? Wir haben neben Mülheim vier weiter Beispiele aus NRW gefunden:

"BOB Campus" in Wuppertal

Der "BOB Campus" ist auf dem Gelände einer ehemaligen Textilfabrik entstanden. Über 100 Jahre lang produzierte die Firma Bünger hier Schnürsenkel, Gardinenbänder und textilen Schmuck. 2012 wurde die Produktion eingestellt, fünf Jahre später begannen die Planungen für ein neues Quartier. Das Gelände im Stadtteil Oberbarmen wurde restauriert, umgebaut, zum Teil duch Neubauten ergänzt.

Sicht auf moderne Wohngebäude in Wuppertal

Die urbane Nachbarschaft des "BOB Campus"

Hier kann man wohnen, es gibt Büros, eine Kita, eine Realschule und eine Bibliothek. Außerdem liegt dem ganzen Areal ein Konzept zugrunde, das sich am Gemeinwohl orientiert: Es gibt eine Foodsharing-Station für Lebensmittel und Gemeinschaftsgärten, in denen Gemüse und Kräuter wachsen. 2024 wurde der "BOB Campus" mit dem NRW-Architekturpreis ausgezeichnet.

Hertie in Lünen

Das ehemalige Hertie-Kaufhaus in Lünen stand seit 2009 leer, jahrelang war unklar, was mit dem Gebäude geschehen sollte. Erst ab 2014 fand sich eine Lösung. Eine Wohnungsbaugenossenschaft übernahm das Gebäude, entkernte und sanierte das Haus. Stockwerke wurden abgetragen und eine Dachterrasse geschaffen, über die mehr Licht in die Wohnungen gelangt. So entstand ein Stadtquartier in bester Lage, in dem es 24 barrierefreie Wohnungen, Arztpraxen, Geschäfte und Restaurants gibt.

Das Hertie-Kaufhaus in Lünen

Aus dem alten Hertie-Kaufhaus in Lünen wurde ein attraktive Wohn- und Geschäftshaus.


Für Manfred und Krystyna Lüdke eine ideale Lösung. Die beiden 90-Jährigen sind vor gut 10 Monaten hier eingezogen. Etwas mehr als 60 Quadratmeter, mitten in der Innenstadt.

"Meine Frau ist sehr, sehr glücklich, weil sie hier viele Menschen auf dem Marktplatz sieht. Wir gehen essen, wechseln die Lokale. Wir sehen Menschen, sprechen Menschen - ein schönes Gefühl." strahlt Manfred Lüdke.
Bewohner des ehemaligen Hertie-Kaufhaus in Lünen

Manfred und Krystyna Lüdke sind erst vor wenigen Monaten ins ehemalige Hertie-Kaufhaus nach Lünen gezogen - und sind sehr zufrieden.

Polizeiwache in Dortmund

In Dortmund-Hörde wurde eine alte Polizeiwache umgebaut, so dass dort 23 Wohnungen entstanden. Es gibt sogenannte Cluster-Wohnungen, wo sich kleine Apartments einen gemeinsamen Wohnraum und eine Wohnküche teilen. In dem alten Dachstuhl des Gebäudes entstand eine Dachterrasse.

Ein modernisiertes Wohngebäude mit Solarzellen auf dem Dach in Dortmund

Modern umgestaltet: die ehemalige Polizeiwache in Dortmund-Hörde

"Living Circle" in Düsseldorf

Eines der größten Umnutzungsprojekte Deutschlands steht in Düsseldorf. Die ehemalige Verwaltungszentrale von Thyssen wurde dort Anfang der 1990er gebaut, 1.000 Mitarbeiter gingen dort jeden Tag zur Arbeit. Doch der 45.000 Quadratmeter große Komplex wurde nur 18 Jahre lang genutzt; nach der Fusion mit Krupp zog der Konzern nach Essen.

Sieben Jahre lang stand das Areal an der Grafenberger Allee leer, bis sich 2016 ein Investor fand. Der wollte die Gebäude erst abreißen, entschied sich dann aber für eine Umnutzung: Aus den Büros wurden 340 barrierefreie Wohnungen. Die wurden nicht verkauft, sondern vermietet - und das zum Teil durchaus günstig für die Lage. Bei 20 Prozent der Wohnungen wurde der Mietpreis für zehn Jahre auf 8,50 Euro pro Quadratmeter gedeckelt.

Träume in Mülheim

Auch Haustechniker Maik Westhoff kann sich gut vorstellen, in ein paar Jahren in Mülheim in den alten Stinnes-Turm einzuziehen. Auch hier wird es wohl keine riesigen Appartments geben. Aber im Zweifel, scherzt Westhoff, würde er im 15. Stock halt zwei nehmen. "Das passt dann auch noch."

Rhein-Ruhr-Zentrum in Mülheim

Das Rhein-Ruhr Zentrum in Mülheim

Unsere Quellen:

  • Beobachtungen des WDR-Reporters vor Ort
  • Nachrichtenagenturen dpa, AP
  • Pestel-Institut
  • Montag-Stiftungen
  • WDR-Interview mit Olaf Ley und Maik Westfhoff
  • Stadt Lünen
  • Gespräch mit dem ehm. GF Bauverein zu Lünen
  • Bewohner in Lünen

Sendung: WDR.de, Wohnen in alten Büro- und Geschäftsräumen, 24.07.2026, 05:03 Uhr

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