Reporter Nicolas Vordonarakis berichtet von Chaos beim AfD Parteitag
Aktuelle Stunde . 13.07.2026. 23:15 Min.. UT. Verfügbar bis 13.07.2028. WDR.
Man hätte sich fast wundern können, wie geordnet und schnell die ersten 21 Listenplätze zustande gekommen waren. Zehn am Freitag, elf am Samstag - alles Plätze, die aktuell einen sicheren Platz in der Landtagsfraktion bedeuten würden. Ungewöhnlich für NRW-AfD-Verhältnisse.
Doch ein riesiges Problem war da schon absehbar: Das rechtsextreme Lager um den Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich hatte keine Mehrheit und bekam seine Kandidaten nicht durch. Das führte am Ende zu einer Eskalation, die bis in die höchsten AfD-Ebenen um Alice Weidel Kreise ziehen sollte.
Zunächst erste Einigungen
Aber fangen wir vorne an, bei einem Wochenende, das selbst für AfD-Verhältnisse ausergewöhnlich war. Die Mehrheit stand zunächst bei Martin Vincentz, dem Landeschef wie gewählten Spitzenkandidaten. Bis auf wenige Ausnahmen spielte er seine Macht komplett aus. So akzeptierte er den mit ihm verfeindeten stellvertretenden Bundeschef Sven Tritschler auf der Liste.
Auch einigte er sich mit Enxhi Seli-Zacharias als Frau direkt hinter ihm. Zwischen den beiden hatte es in den vergangenen Monaten mehr als nur geknirscht. Besonders über ihre "Putzaktion" in Gelsenkirchen soll sich Vincentz intern mehr als nur geärgert haben. Seli-Zacharias hatte Menschen die Straßen putzen lassen.
Martin Vincentz (Mitte) nach seiner Wahl
Sogar Andreas Keith, einer der wenigen Vertrauten Helferichs in der Landtagsfraktion, ging für einen der begehrten Plätze einen Deal mit Vincentz ein. Danach brodelte es sichtbar im selbsternannten "patriotischen Lager" der völkisch-rechtsextremen NRW-AfDler.
Selbst Klaus Esser bekommt sicheren Platz
Als dann noch der Versuch scheiterte, das "Feindbild der Völkischen", Klaus Esser, zu verhindern, eskalierte die Lage. Esser steht im Verdacht, sein Examen gefälscht zu haben.
Helferich selber versuchte Esser mit einer Gegenkandidatur von Platz 13 zu verdrängen. Der Plan scheiterte, Esser setzte sich durch. Von da an wurde der Ton rau. "Du hast versucht, mich existenziell zu vernichten", schrie Helferich Esser vom Pult aus an.
"Drachenlord" wurde vorgeschlagen
Die Folge - eine maximale Eskalation am Sonntag, dem dritten Tag des Treffens, das sich über vier Wochenenden erstrecken soll: auf Platz 22 stellten sich fast 100 Kandidaten auf. Mit ihren jeweils acht Minuten Redezeit zur Kandidatur sollte das den Parteitag für den ganzen Tag lähmen.
Matthias Helferich
Zeitweise wurden sogar "Spaßkandidaten" vorgeschlagen. Ein Delegierter nominierte Rainer Winkler, der als Drachenlord in der Szene der Youtuber bekannt wurde und ein Beispiel für die Mobbingkultur im und durch das Internet ist.
Vincentz erwartet Ende der Blockade
Das Kalkül: Mit Druck durch Ermüdung, Zeitspiel doch noch eigene Kandidaten durchzusetzen. Martin Vincentz beeindruckte das hingegen zunächst wenig. Auf einem Foto, das sich durch Chatgruppen zog, hält er ein Sitzkissen hoch, auf dem steht: "Wir sitzen das aus".
Er lasse sich nicht unter Druck setzen, sagte Vincentz auf WDR-Nachfrage. "Ich erwarte, dass der Bundesvorstand die Initiatoren dieser Blockade dazu auffordert, die Entscheidungen unserer Delegierten zu akzeptieren und den Weg für weitere Wahlen freizumachen", so Vincentz.
Seine Gegner scheint das nicht zu beeindrucken. Der Landeschef betreibe "Kartellpolitik", schreibt ein Gegner, der nicht namentlich genannt werden will. "Mit einer hauchdünnen Mehrheit wird hier eine 'Festung' gebaut, die 45 Prozent des Landesverbandes komplett isolieren soll", schreibt die Person weiter.
Gegner bleiben auf Konfrontation
Der NRW-Chef der AfD-Jugendorganisation "Generation Deutschland" (GD), Luca Hofrath sieht das ähnlich: "Martin sollte ein Interesse daran haben, dass sein Wahlkampfteam aus vielfältigen Strömungen der Partei besteht, um die heterogene Wählerschaft NRWs anzusprechen", schreibt er dem WDR.
Die GD ist klar dem Lager um Matthias Helferich zuzuordnen. Hinter der Blockade stecken aber wohl nicht nur Kräfte aus NRW.
So soll Bundeschefin Alice Weidel persönlich den offenen Angriff auf die gesamte Landesliste freigegeben haben. Entsprechende Chatnachrichten wurden gegenüber dem WDR von mehreren Quellen erwähnt, auch entsprechende Screenshots liegen vor.
Steckt Weidel hinter der Blockade?
Das würde ins Bild passen, Weidel ist längst eng vernetzt mit dem völkischen Lager und mit den jungen Strömungen der Partei.
Beim Bundesparteitag in der Woche vor der Listenwahl spielte die Generation Deutschland und somit das selbsterklärte "patriotische Lager" eine bedeutende Rolle. Der Bundeschef der GD sitzt mit Weidel im AfD-Bundesvorstand.
Die Zeichen aus Berlin stehen also nicht gut für Martin Vincentz. Manche spekulieren inzwischen offen darüber, ob der NRW-Landesvorstand nach den Geschehnissen in Marl nicht durch Weidel und ihre Mehrheit im Bundesvorstand abgesetzt und durch einen "Notvorstand" ersetzt wird.
Gerät die AfD-Liste ganz in Gefahr?
Das Ganze wäre ein Dilemma für die Partei, schließlich ist Landeschef Vincentz eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Partei. Sein gemäßigtes Auftreten bringt der Partei im Westen auch Vorteile.
Außerdem würde seine Abwahl die bisher rechtlich sauber gewählte Landesliste kippen. Eine komplett neue Liste könnte eine Nichtzulassung durch die Landeswahlleitung zur Folge haben.
Die AfD wäre praktisch ohne Chance, wieder in den Landtag einzuziehen und könnte nur noch Direktmandate gewinnen, wonach es aber auch bei den aktuellen Umfragen nicht aussieht. Einen ähnlichen Fall erlebte die Partei in Bremen.
Ein Kompromiss als letzter Ausweg
Der andere Weg braucht einen Kompromiss. Das "patriotische Lager" und Martin Vincentz müssten eine Verteilung herbeiführen, die beiden Seiten gefällt. Auch die Listenplätze 22 bis 30 gelten als aussichtsreich für ein Mandat.
Das wäre ein herber Rückschlag für Vincentz, aus Sicht der Partei aber sicherlich die bessere Lösung, als im größten Bundesland der Republik ab 2027 nicht mehr im Landtag vertreten zu sein.
Am Freitag wird die Landeswahlversammlung fortgesetzt. Dann wird auch das Ergebnis für Listenplatz 22 verkündet, es kam erst in der Nacht zu Montag zustande. Gewählt wurde nach WDR-Informationen Andreas Klöcker aus Aachen. Ein Vincentz-Mann, dem vorgeworfen wird, in Belgien statt in NRW zu leben. Zu einer Deeskalation sollte das nicht führen.
Unsere Quellen:
- AfD-Listenparteitag Marl
- Eigene Recherche
- Statements Generation Deutschland
- Statement Martin Vincentz
Sendung: WDR.de, Chaos auf AfD-Listenparteitag 13.07.2026, 17:05 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 13.07.2026, 18:45 Uhr

