abbröckelnder Putz mit Rissen auf dem Parteiemblem Symbol der AFD

Chats aus der AfD NRW-Landeschef greift Alice Weidel an

Stand:

In einer AfD-internen Chatgruppe soll die Blockade des AfD-Parteitags am Sonntag orchestriert worden sein. Mittendrin jemand aus dem Bundesvorstand der Partei, der Alice Weidel nahesteht.

Es war ein bemerkenswertes Schauspiel in Marl. Nachdem das hauptsächlich rechtsextreme Lager der Landespartei bei aussichtsreichen Listenplätzen leer ausging, schaltete es auf Blockade.

Am Sonntag schlugen die Unterstützer rund um den Bundestagsabgeordneten Mathias Helferich über 100 Kandidierende für einen einzigen Listenplatz vor. Damit wollte man die Delegierten-Mehrheit des nach außen gemäßigt auftretenden Landeschefs Martin Vincentz blockieren. Die Aktion erregte bundesweit Aufsehen.

Sie schlug sogar so große Wellen, dass die Parteichefs der Bundes-AfD, Tino Chrupalla und Alice Weidel, am Montag danach per Pressemitteilung zur Mäßigung aufriefen. "Wir appellieren an alle Teile der Partei, sich entsprechend professionell zu verhalten und nicht zu spalten", erklärten die beiden. Sie benannten einen Mediator, der zwischen den Lagern verhandeln sollte.

Weiter verhärtete Fronten

AfD-NRW-Chef Martin Vincentz und AfD-Bundevize Sven Tritschler am Rande des Parteitags in Marl

Martin Vincentz und Sven Tritschler

Diese Verhandlungen im Landtag von NRW sollen aber bereits nach zehn Minuten abgebrochen worden sein. Unter anderem, weil Landeschef Vincentz von einer brisanten Chatgruppe erfahren haben soll.

Sie soll von Sven Tritschler gegründet worden sein - er ist gerade erst zu Beginn des Monats auf Wunsch von Alice Weidel zum stellvertretenden Bundeschef gewählt worden. Tritschler sitzt im NRW-Landtag, will wiedergewählt werden, ist aber ein erbitterter Gegner von Landeschef Vincentz. Trotzdem hatten die beiden sich vor der Listenaufstellung am Wochenende aber verständigt und Tritschler bekam als Kompromiss den aussichtsreichen vierten Listenplatz.

Dennoch - so legen es die Chats nahe, die dem WDR vorliegen - soll er mit der Chatgruppe weiter gegen Vincentz gearbeitet haben. Vor allem die Suche nach Kandidaten für weitere Wahlgänge mit Dutzenden Namen wurde in den Chats forciert.

Das Who ist Who des Helferich-Lagers

Liest man die Chats, findet man bekannte Namen: Der Düsseldorfer Kreisverbandschef Elmar Salinger ist beteiligt, Tritschler selbst nennt Namen, die antreten könnten. Der Landtagsabgeordnete Zacharias Schalley bietet Hilfe für die Erstellung langatmiger Redetexte an. Und selbst Vincentz Stellvertreter im Landesverband, Christian Zaum, beteiligt sich.

Und auch die Mitarbeiter des Bundesvorstandsmitglieds Maximilian Kneller sollen beteiligt sein. Auch Kneller genießt den Rückhalt Alice Weidels.

Dazu kommen Vertreter der "Generation Deutschland", die mitmachen. Allesamt aus dem Unterstützerkreis von Mathias Helferich, der auch in dem Chat mitschreibt. Er gibt zum Beispiel Tipps: "Die Leute müssen die Kandidaturen auch annehmen", schreibt er an einer Stelle. Es ist das "Who is Who" des in Teilen rechtsextremen Lagers in der NRW-AfD.

Die "Schattenarmee" und das Vincentz-Schreiben

Nach dem Sonntag, der im Chaos endete, schreibt Tritschler, dass man bei der Fortsetzung der Listenaufstellung am Freitag weiter machen wolle: "Die Schattenarmee muss stehen, egal was passiert", textet er. In diesem Stil geht es weiter, es wird angekündigt so lange mit Kandidaturen den Parteitag zu blockieren, bis man die eigenen Leute aus dem selbsternannten "patriotischen Lager" auf die Liste bekommt.

Die Chatprotokolle sind der Anhang zu einem noch brisanteren Schreiben des Landeschefs Martin Vincentz an den Bundesvorstand. Es liegt dem WDR ebenfalls vor. Darin begründet Vincentz, warum er die Vermittlungsversuche aus Berlin ablehnen muss.

Es fehlt an "persönlicher und politischer Reife"

Dies begründet er vor allem mit der Chatgruppe. Er spricht von Sabotage des "Helferich-Tritschler-Lagers". Sie hätten gezeigt, "dass es ihnen in eklatanter Weise an persönlicher und politischer Reife fehlt und sie immensen Schaden für die Partei in Kauf nehmen, um ihren Trotzkopf gegen eine Mehrheit durchzusetzen", schreibt Vincentz. Insgesamt wirft er fünf Mitgliedern des Bundesvorstandes vor, direkt oder indirekt daran beteiligt zu sein.

Vincentz greift in dem Schreiben auch Alice Weidel direkt an. "Wir sind darüber hinaus fassungslos, dass eine Bundessprecherin sich nicht klar von derartigen undemokratischen, Antifa-ähnlichen Auswüchsen distanziert", schreibt Vincentz im Namen seines Landesvorstandes.

Er bedankte sich weiter für die Unterstützung ihres Co-Chefs Tino Chrupalla, der sich gegen die Blockade ausgesprochen hatte. "Eine derartige Klarheit wünschen wir uns auch von der zweiten Bundessprecherin, Alice Weidel".

"Sie überschätzen meine Rolle"

Diese Aussage ist auch ein Fingerzeig zu Gerüchten innerhalb der Partei, die Alice Weidel selber hinter der ganzen Aktion vermuten. Das Tischtuch zwischen Bundeschefin und Landeschef ist inzwischen zerschnitten.

Zu den Vorwürfen äußern wollten sich die meisten der Betroffenen nicht. "Zu privaten Konversationen äußere ich mich nicht", schreibt Tritschler. Ein Sprecher der Bundes-AfD bestätigt lediglich den Eingang des Schreibens aus Düsseldorf. Und Mathias Helferich antwortet zurückhaltend zu seiner Beteiligung: "Ich denke, Sie überschätzen meine Rolle".

Streit in NRW-AfD: Weidel gerät immer mehr in den Fokus

WDR Studios NRW 15.07.2026 01:01 Min. Verfügbar bis 14.07.2028 WDR Online

Unsere Quellen:

  • Chatprotokolle aus der AfD
  • Schreiben Martin Vincentz an den Bundesvorstand
  • Eigene Recherche

Sendung: ARD Radio, AfD-Streit in NRW eskaliert, 15.07.2026, 21:00 Uhr

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