Bettelverbot rund um in Dortmunder Außengastronomie
02:38 Min.. Verfügbar bis 09.07.2028.
Ein Sommerabend unter der Woche in der Dortmunder Innenstadt. Der Wetterbericht zeigt Wolken an, der Himmel klart aber trotzdem nach und nach auf. Die Dortmunder Innenstadt ist nicht voll, in jedem größeren Restaurant oder Café sind draußen noch Tische frei, trotzdem ist überall was los. Zahlreiche Dortmunder essen eine Pizza oder ein Schnitzel oder trinken ein Bier oder einen Cocktail. Gerade sind nur wenig Bettler in der Innenstadt unterwegs. Bei den Gästen in der Gastronomie ist das Problem trotzdem allgegenwärtig.
Selbst der WDR-Reporter wird beim Ansprechen von Gästen in den Außenbereichen in Restaurants erst für einen Bettler gehalten: "Wir hatten uns jetzt eigentlich gefragt, wann du nach Geld fragst," sagt David, der mit Nicole und Dejan nach Feierabend im Außenbereich eines großen Restaurants neben der Dortmunder Reinoldikirche ein paar Drinks schlürft.
Sitzen in der Außengastro ohne angebettelt zu werden? Für David und Nicole kaum möglich.
Auch heute wurden die drei schon angebettelt: "Direkt kam schon einer, da hatten wir uns noch gar nicht hingesetzt," sagt Nicole. Von den Bettlern in Dortmund sind sie genervt. Die drei wollen nicht empathielos sein. Sie verstehen, dass einige Menschen aus einer Notsituation heraus betteln. Jedoch schimpfen sie vor allem über organisierte Bettelei und aggressive Bettler. Und das Betteln in der Außengastro in Dortmund habe im vergangenen Jahr zugenommen, sagt Dejan: "Einmal wurde ich in der Schlange an einem Currywurststand in zehn Minuten zwölfmal angebettelt."
Hitzige Debatte um Bettelverbot in der Politik
Der Rat der Stadt Dortmund hat am Donnerstagabend ein Bettelverbot in der Dortmunder Außengastronomie beschlossen. Sowohl stilles Betteln als auch Ansprechen sind ab sofort im Umkreis von fünf Metern rund um Gastro-Tische nicht mehr legal.
Die Entscheidung war und ist umstritten. Eine Linken-Politikerin sieht im Bettelverbot sogar Parallelen zum Umgang mit Bettlern in der Nazizeit. Die SPD hat dem Verbot zwar nach langem Ringen zugestimmt, hat aber noch rechtliche Vorbehalte. Das Verbot soll nach dem Ratsbeschluss auf ein Jahr begrenzt werden.
"Wir haben wegen sowas enorm viele Kunden verloren." Özgür, by X Kebap
Für Özgür und Erkan ist das Bettelverbot eine große Hoffnung. Sie arbeiten in einem Dönerladen in der Dortmunder Brückstraße. Eine Einkaufsstraße, in der sich Imbiss an Imbiss reiht, dazwischen Nagelstudios, Kneipen und ein Kleidungsgeschäft, das sehr prominent mit Marokko-Autoflaggen für fünf Euro wirbt. An Sommerabenden sind hier manchmal genau so viele Bettler unterwegs wie es Imbissbuden auf der Straße gibt. "Wir haben wegen sowas enorm viele Kunden verloren," sagt Özgür. Die Kunden sagen "Ich werde angebettelt, ich werde angeschrien!"
An manchen Tagen sieht Erkan etwa die Hälfte seiner Pfanddosen nicht wieder. Viele Kunden geben die Dosen auf Nachfrage den Pfandsammlern oder Obdachlose würden den Pfand von den Tischen räumen, wenn die Kunden weg sind. "Wir schicken die weg, aber die kommen immer wieder," sagt Erkan. Auch Polizei und Ordnungsamt würden nur kurzfristige Maßnahmen ergreifen.
"Ich bettel nicht, ich frage." Keldor, Obdachloser
Ein Bettler stört die beiden am meisten. Oft ist er auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Dönerladens. Er vertreibe viele Kunden, sagt Özgür. Auch der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband Dehoga in Dortmund ist für das Bettelverbot, damit sich Gäste wieder wohler fühlen und Gastro-Betriebe daran Geld verdienen.
Ein Selbsttest im Außenbereich des Dönerladens in der Brückstraße zeigt, dass der von Özgür beschriebene Bettler kommt, bevor der Döner aufgegessen ist. Er schlurft heran und murmelt etwas, hält die Hand auf, in der ein paar Münzen liegen.
Keldors Utensilien - sein Gesicht möchte er nicht zeigen.
Fühlen sich die Menschen von seinem Betteln gestört? "Ich bettel nicht, ich frage," sagt der Mann, der sich Keldor nennt. Er ist seit eineinhalb Jahren auf der Straße. Er findet keine Sozialwohnung. Darum sollten sich die Behörden eher kümmern, um das Elend auf der Straße zu bekämpfen, sagt er. Das geplante Bettelverbot sei "totale Scheiße".
Bettler und linke Politiker appellieren an Menschlichkeit
Keldor als Betroffener ist nicht der Einzige, der das Bettelvebot kritisiert. "Ist natürlich schon sehr drastisch, find ich schon extrem," sagt etwa eine Passantin über das Bettelverbot. Mehrere politisch linke Gruppen sprechen davon, dass arme Menschen durch das Bettelverbot noch mehr aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden als sowieso schon. Linke und Grüne haben im Stadtrat am Donnerstagabend dagegen gestimmt. "Vor Gott sind wir alle gleich," sagt Keldor dazu.
Ein anderer Bettler hat sein Lager neben dem Eingang eines Parkhauses aufgeschlagen. Er bettelt passiver als diejenigen, die in der Außengastrononmie von Tisch zu Tisch gehen. Trotzdem kritisiert er das Verbot und appelliert ebenfalls an mehr Menschlichkeit: "Alkoholismus, Drogen - viele sind krank! Und da muss die Gesellschaft ein bisschen anders drauf zugehen, als das zu verbieten, zu verdrängen."
Mann gibt Bettler Essen aus - und ist trotzdem für Verbot
Zurück zu Keldor: Bei einem Italiener in der Nähe der Dortmunder Einkaufsstraße Westenhellweg spricht er einen Mann und eine Frau an. Erst bleibt er stehen, dann setzt er sich an den Nebentisch. Der Mann hat angeboten, ihm etwas von der Karte zu spendieren. Keldor bestellt Penne Bolognese zum Mitnehmen.
Zu viele Bettler sind in Dortmund unterwegs, meint Baris Özcan.
Der Spender ist Baris Özcan. Essen sollte jeder, findet er. Wenn Keldor direkt nach Geld gefragt hätte, hätte er ihm nichts gegeben. Angesprochen auf das Bettelverbot, denkt Baris erstmal nach: "Es sind extrem viele, die betteln." Und machmal fühlt auch er sich gestört. Obwohl er gerade einen Bettler auf ein Essen eingeladen hat, findet auch er das geplante Bettelverbot der Stadt Dortmund richtig.
Unsere Quellen:
- Beobachtungen des WDR-Reporters in der Dortmunder Innenstadt
- Beobachtungen des WDR-Reporters in der Ausschussitzung der Stadt Dortmund
- WDR-Gespräch mit David, Dejan und Nicole
- WDR-Gespräch mit Erkan und Özgün von by X Kebap
- WDR-Gespräche mit Keldor und einem anderen Obdachlosen
- WDR-Gespräche mit Passanten in Dortmund
Sendung: WDR 2 Dortmund, Lokalzeit, 09.07.2026, 06:31 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Lokalzeit aus Dortmund, 09.07.2026, 19:30 Uhr
Sendung: WDR.de, Bettelverbot in Dortmund beschlossen, 09.07.2026, 20:35 Uhr
