WDR: Nach Schätzung des Robert-Koch-Instituts gab es während der jüngsten Hitzewelle 5.120 Hitzetote in Deutschland. Wie geht es Ihnen damit als Gesundheitspolitiker?
Laumann: Da geht es einem natürlich nicht gut mit, weil natürlich jeder Tote einer zu viel ist. Aber die Wahrheit ist auch - in allen Länder dieser Erde, dass große Hitzewellen auch einen starken Anstieg der Sterblichkeit bedeuten. Das lässt sich trotz aller Schutzmaßnahmen nie ganz verhindern. Das heißt nicht, dass wir in Deutschland nicht besser werden können und müssen.
Mein Eindruck ist, auch bei uns in Nordrhein-Westfalen ist es so, dass die Warnung der Wetterdienste vor einer richtig dicken Hitzephase nicht als Unwetter empfunden wird. Also so, wie man Sturm oder Glatteis oder Fluten als Unwetter empfindet. Wir müssen uns aufgrund des Klimawandels daran gewöhnen, dass auch große Hitzewellen Unwetter sind und dass wir uns darauf einstellen müssen.
An dem Wochenende 27. und 28. Juni waren wir hier im Ministerium alarmiert und ständig in Kontakt mit unseren Bezirksregierungen. Wir wollten wissen, ob unser Gesundheitssystem an irgendeiner Stelle so überlastet ist, dass man auch überregionale Hilfsstrukturen einschalten muss. Das ist Gott sei Dank an keiner Stelle passiert. Aber wir waren an vielen Punkten am Anschlag und zwar bei den Rettungsdiensten und in den Notaufnahmen unserer Krankenhäuser. Teilweise auch auf den Intensivstationen, da gab es offenbar auch Zimmer, die zu warm waren.
Das Wochenende hat uns sehr deutlich gezeigt, dass wir diese Warnungen sehr ernst nehmen müssen. Und den Menschen muss klar sein, dass sie sich entsprechend auf die Hitze einstellen müssen. Das beginnt zunächst bei jedem ganz persönlich. Denn: Wir haben die Rückmeldung aus einer Großstadt erhalten, dass die allermeisten Überhitzungen und Todesfälle – davon sogar über 80 Prozent – in Privatwohnungen stattgefunden haben.
Die Menschen müssen sich im Vorfeld die Fragen stellen und beantworten: Wo sind in meiner Gegend kühle Orte? Wo kann ich hingehen, wenn es in der eigenen Wohnung zu warm ist? Habe ich genug zu trinken und trinke ich genug? Und wenn ich immobil bin: Wer kann mir helfen, damit ich zum Beispiel genug zu trinken habe?
Das hört sich jetzt alles banal an. Aber es geht auch darum, dass die Menschen erst gar nicht den Rettungswagen brauchen oder in ein Krankenhaus müssen. Da brauchen wir eine – wie ich es immer sage – andere DNA in unserer Bevölkerung. Allen muss klar sein: Extremhitze ist ein Unwetter und davor müssen wir uns schützen!
WDR: Seniorenheime und Krankenhäuser sind nicht ausreichend mit Klimaanlagen ausgestattet und gerade da sind die besonders vulnerablen Gruppen. Wie schnell kann man das verbessern?
Laumann: Es gibt bereits viele Informationsmaterialien mit einfachen Tipps sowie Pläne für den Hitzeschutz in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern. Ich habe gestern auch mit Expertinnen und Experten aus dem Krankenhausbereich, der Ärzteschaft, dem Rettungsdienst und der Pflege über die Thematik gesprochen. Ein Ergebnis ist, dass wir meines Erachtens da auch etwas klarere Richtlinien brauchen, wie man ganz konkret und verbindlich in den Gesundheitseinrichtungen mit Hitze umgehen muss. Zum Beispiel, dass die Temperaturen in den Zimmern auch wirklich gemessen werden. Wenn Zimmertemperaturen auf die 40 Grad zugehen, müssen die Leute aus diesen Zimmern raus. Und dafür braucht man, da haben Sie völlig Recht, in all diesen Einrichtungen kühle Räume.
Ich glaube zugleich nicht, dass wir es jetzt von heute auf morgen schaffen, dass wir beispielsweise jedes Zimmer im Krankenhaus bei mehr als 300 Plankrankenhäusern und mehr als 2.000 stationären Pflegeeinrichtungen klimatisieren können. Aber wir brauchen kühle Orte, wo Menschen hingehen können, wo man sie auch versorgen kann. In vielen Einrichtungen haben wir bereits kühle Räume. Es ist ja auch in den meisten Einrichtungen am Wochenende mit dieser Situation sehr vernünftig umgegangen worden. Aber ja, die Diskussionen müssen wir weiterführen, wie man mit Hitzetagen in der stationären Pflege oder auch in unseren Krankenhäusern umgeht, völlig klar.
WDR: Es gab unter anderem von der Diakonie und Verdi die Forderung an die Landesregierung, ein Sofortprogramm über 125 Millionen Euro für die Klimatisierung von Pflegeheimen bereitzustellen. Was sagen Sie dazu?
Laumann: Die Forderung nehme ich sehr ernst, weil ich auch die Herausforderung sehe. Und es ist ja auch so, dass wir schon einiges tun. Bei dem Landesförderprogramm zur Umsetzung der neuen Krankenhausplanung in Höhe von rund zwei Milliarden Euro haben wir festgeschrieben, dass ein Drittel der Fördermittel für Klimaanpassungsmaßnahmen verwendet werden müssen. Wir werden das auch bei dem Krankenhaus-Transformationsfonds des Bundes so halten, dass ein Drittel der Landesmittel, mit denen wir das Programm kofinanzieren, für Klimaanpassungsmaßnahmen eingesetzt werden müssen. Mit dem Geld kann man Krankenhäuser resistenter gegen Hitze machen.
WDR: Wie wichtig werden Klimaanlagen beim Hitzeschutz sein?
Ich glaube, wir bekommen in Deutschland eine andere Meinung zu Klimaanlagen – auch privat. Wir haben viele Jahre gesagt: Naja, Klimaanlage, das ist doch Stromverschwendung und damit belasten wir die Umwelt zusätzlich. Diese Frage beantworten die meisten inzwischen sicherlich anders, auch weil man inzwischen eine andere Situation mit Blick auf Photovoltaik hat. Wenn man eine Klimaanlage braucht, funktionieren Photovoltaik-Anlagen sehr gut.
Ob wir jetzt als Staat Klimaanlagen bezahlen und einbauen lassen in Gebäuden, die Privatleuten gehören, da würde ich nochmal ein bisschen drüber nachdenken wollen. Ich will das alles nicht ausschließen, dafür ist es viel zu früh. Aber: Viele Pflegeheime in Nordrhein-Westfalen haben Investoren gebaut. Das sind Unternehmen und Menschen, die sich ganz bewusst entschieden haben, in solche Immobilien zu investieren. Die wollen damit auch Rendite machen. Und dann finde ich auch, dass Investoren gerade solche Gebäude, die ja einen bestimmten Zweck haben, so gestalten müssen, dass Menschen da gut leben können – auch bei Hitze.
Ich kann im Übrigen ja auch kein Gebäude ohne Heizung bauen, weil es im Winter kalt werden kann. Genauso kann man keine Gebäude im Privatbesitz vermieten, wo der Hitzeschutz nicht in Ordnung ist. Aber wir werden natürlich auch über die Rolle des Staates in der Frage der Klimaanpassungsmaßnahmen diskutieren müssen.
WDR: Sie haben eben von den Rückzugsorten an kühle Plätze gesprochen. Aber viele Kommunen haben gar keine Hitzeschutzpläne.
Laumann: Mein Ministerium hat im Sommer 2023 das zentrale „Netzwerk für gesundheitsbezogenen Hitzeschutz“ einberufen, in dem viele Akteure des Gesundheitswesens in NRW mitarbeiten und das vom Landesamt für Gesundheit und Arbeitsschutz, kurz: LfGA, koordiniert wird. In diesem Zusammenhang spielen kommunale Hitzeaktionspläne eine wichtige Rolle. Das LfGA berät die Kommunen und die unteren Gesundheitsbehörden und hat umfangreiche Arbeitshilfen veröffentlicht. Da ist schon einiges passiert. So gibt es bundesweit aktuell 73 kommunale Hitzeaktionspläne, davon kommen allein 25 aus Nordrhein-Westfalen. Jenseits der konkreten Hitzeaktionspläne haben mittlerweile 44 der 53 Kreise und kreisfreien Städte in NRW bereits hitzebezogene Maßnahmen ergriffen. Auch wenn da sicherlich noch Luft nach oben ist: Da passiert schon einiges. Köln hatte am Hitzewochenende Ende Juni beispielsweise die Messehalle als temporäre Behandlungsstelle für Patientinnen und Patienten genutzt. Da gibt es vor Ort überall gute Möglichkeiten, die man nutzen kann. Ich kenne mich in meinem ländlichen Wahlkreis ganz gut aus. Ich denke, dass wir gerade auch den Dörfern kühle Orte haben. Und wenn es nur die Pfarrkirche ist, die sehr alt ist und dicke Mauern hat.
Wir wollen daher auch mit den Kommunen darüber sprechen, wie man es schafft, dass möglichst viele wissen, wo kühle Orte in einer Stadt oder Gemeinde sind.
Wir müssen das im Übrigen auch in einfacher Sprache transportieren, damit wirklich möglichst viele Menschen diese Informationen haben.
WDR: Wie war die Lage in den Städten im Vergleich zu Dörfern?
In den ländlichen Regionen von Nordrhein-Westfalen hatten wir schon eine etwas andere Lage, was nicht heißt, dass es dort nicht auch teilweise sehr extrem war. In Düsseldorf, Köln, also hier an der Rheinschiene, in den großen Städten gab es nach unseren Erkenntnissen rund doppelt so viel Einsätze für den Rettungsdienst wie normalerweise. In Ostwestfalen und im Münsterland waren es „nur“ 50 Prozent mehr. Da haben wir schon ein größeres Problem insbesondere in den großen Städten, wo viel zugebaut ist. Hier muss man sicherlich den Klimawandel etwa auch bei der Gestaltung von Fußgängerzonen und ähnlichen Dingen bedenken. Wir brauchen in den Innenstädten wieder mehr Grün und wir brauchen mehr Wasser, um die Temperaturen ein Stück weit herunterzubekommen
WDR: Was kann man ganz konkret vor der nächsten Hitzewelle tun, um die Auswirkungen abzumildern?
Laumann: Wir müssen uns klar machen: Hitze ist ein Unwetter und wir müssen uns alle darauf einstellen. Das ist der erste und wichtigste Schritt. In dem Zusammenhang muss man dann überlegen: Wo ist es kühler und wo kann ich hingehen, wenn meine Wohnung überhitzt? Habe ich genug zu trinken und trinke ich tatsächlich genug?
Und wir müssen mittelfristig mit Blick auf Hitze- und Alarmpläne an einem verbindlicheren Warnsystem im Gesundheitswesen arbeiten, was etwa für die Krankenhäuser und die Pflegeheime mehr Klarheit schafft. Das kann man jetzt vielleicht nicht in vier Wochen schaffen, aber spätestens im nächsten Frühjahr muss das stehen
Die Fragen stellte Tim Köksalan für das WDR-Fernsehen. Für die Verschriftlichung haben wir das Interview bearbeitet und von Karl-Josef Laumann autorisieren lassen.
Unsere Quellen:
- WDR-Interview mit Karl-Josef Laumann
Sendung: WDR 5, Westblick/ Über 1.000 Hitzetote in NRW, 09.07.2026, 17:04 Uhr