In den vergangenen Wochen gab es viele neue Erkenntnisse über mögliche Kontakte des Solingen-Attentäters. Im Untersuchungsausschuss zum Anschlag mit drei Toten brachte die Opposition - vor allem die SPD - mehrere Akten zur Sprache, wonach Issa al H. mit sicherheitsrelevanten Personen zu tun hatte. Am 23. August 2024 hatte H. während des Solinger Stadtfestes "Festivals der Vielfalt" drei Menschen getötet und acht weitere mit einem Messer verletzt.
Auch wurden Protokolle der Sicherheitsbehörden erwähnt, wonach der Attentäter schon im Juni 2024 - also zwei Monate vor der Tat - den Behörden hätte bekannt sein können. Dies ist besonders deshalb brisant, weil die Landesregierung bis heute sagt, dass Issa al H. ein Einzeltäter ohne Anleitung und Anbindung an islamistische Netzwerke ist.
Diese Erkenntnisse der letzten Wochen schienen Reul heute so wichtig, dass er vor Beginn der eigentlichen Sitzung den Innenausschuss unterrichten wollte. Er sagte, dass in dem angesprochenen Protokoll ein redaktioneller Fehler vorgelegen habe. Auch gebe es bei den zuletzt genannten Kontakten zu sicherheitsrelevanten Personen keine Erkenntnisse darauf, dass es sich um ein terroristisches Netzwerk handeln könne.
Zwei Gefährder im Telefonbuch
"Es bleibt also dabei: Der Solingen-Attentäter war den Sicherheitsbehörden im Vorfeld nicht bekannt", sagte Reul. Allerdings musste Reul zwei islamistische Gefährder erwähnen, die sich im Telefonbuch des Solingen-Attentäters befunden hätten.
In einem Fall handelte es sich laut Reul um eine Person, die erst nach dem Anschlag von Solingen als Gefährder eingestuft wurde und in Paderborn mit dem Attentäter untergebracht war. Die andere Person ist im Sommer 2024 festgenommen worden, weil sie Anschläge auf die Fußball-Europameisterschaft geplant haben soll. Dafür wurde er in erster Instanz verurteilt.
Issa al H. soll sich mit ihm in einer Chatgruppe bei Whatsapp befunden haben, bei der es aber nicht um relevante Themen gegangen sein soll. "Wir reden da also über zwei Telefonnummern von weit über 300 namentlich erfassten Kontakten", sagte Reul zu den Kontakten.
Ungewöhnliche Unterrichtung
Die Ermittler hätten keine Anhaltspunkte dafür gefunden, dass der Solingen-Attentäter sich mit beiden über Anschläge oder islamistische Szenen unterhalten hätten. Deshalb blieb Reul dabei, dass es sich bei dem Attentäter um einen Einzeltäter handele.
Die heutige Unterrichtung durch Reul ist ungewöhnlich - eigentlich muss der Innenminister noch vor dem Untersuchungsausschuss aussagen. Entsprechend überrascht reagierten Vertreter und Vertreterinnen von SPD, FDP und AfD.
"Reul untergräbt Versprechen des Ministerpräsidenten"
Die stellvertretende SPD-Fraktionschefin Lisa Kapteinat sagt, dass er Eindruck entstehen müsse, Reul habe bewusst die Information jenseits seiner Befragung im Untersuchungsausschuss gegeben. "Offensichtlich hat er selbst den Ministerpräsidenten zu diesen Erkentnissen im dunkeln gelassen und untergräbt damit das Transparenzversprechen von Hendrik Wüst weiter", so Kapteinat auf Anfrage.
Wüst (CDU) hatte unmittelbar nach dem Anschlag dem Landtag das Versprechen von "maximaler Transparenz" bei der parlamentarischen Aufklärung gegeben.
Für die FDP wirft der Auftritt Reuls mehr Fragen als Antworten auf: "Bisher scheint es so, dass der Attentäter als Gefährder den Sicherheitsbehörden frühzeitig bekannt war, dort jedoch die falschen Schlussfolgerungen gezogen wurden", sagt der FDP-Abgeordnete Werner Pfeil. Er sieht den Innenminister in der Pflicht, nun zügig alle relevanten Akten dem Untersuchungsausschuss zu überstellen.
Unsere Quellen:
- Innenausschuss Landtag
- Stellungnahme Herbert Reul
- Eigene Recherche
Sendung: WDR 2 Nachrichten "WDR aktuell", Solingen-Attentäter hatte Gefährder im Handy, 09.07.2026, 14:00 Uhr
