Martin Vincentz (AfD) beim Bürgerdialog der AfD-Bundestagsfraktion Landesgruppe NRW am 19.08.2026 in der Aula der ehem. Martini-Schule in Wesel

AfD-Landeschef Vincentz bei einem Bürgerdialog

Bildquelle: IMAGO/Revierfoto

AfD-Wahlerfolge Warum NRW nicht vergleichbar mit dem Osten ist

Stand:

Im Osten gewinnt die AfD inwzischen. Doch zu Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern gibt es Unterschiede, wie unsere Analyse zeigt.

"Die Zeit von AfD-Regierungen rückt näher", ist das erste Statement von NRW-Landeschef Martin Vincentz nach den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. "Wer sie verhindern will, braucht immer mehr Koalitionspartner und hat dabei immer weniger Inhalt", schreibt es der 40-Jährige weiter. Alle gegen die AfD löse kein Problem.

Genau damit beschreibt Vincentz jedoch das Problem seiner Landes-AfD. Im aktuellen Landtag ist die Partei mit wenigen Abgeordneten eher marginalisiert. Nur etwas über fünf Prozent holte die Partei bei der NRW-Wahl 2022. In den Debatten spielt die kleinste Fraktion nur dann eine Rolle, wenn es um umstrittene Provokationen geht.

Wie in der vergangenen Landtagssitzung, wo der AfD-Mann Thomas Röckemann die Grüne Jugend und die SPD-nahen Falken mit der "Hitler-Jugend" verglich und dafür einen Ordnungsruf erhielt. Das Parlament als inhaltliche Bühne kann die Partei nur selten nutzen.

Verdreifachung der AfD winkt bei der Landtagswahl

Natürlich wird sich das nach der kommenden Wahl mit hoher Wahrscheinlichkeit ändern. Umfragen sehen die Partei in NRW über 15 Prozent - es wäre mindestens eine Verdreifachung. Aber dennoch käme es auf sie bei einer Regierungsbildung wohl nicht an. Man müsste Koalitionen nicht schmieden, um die AfD zu verhindern.

Fast schon traditionell hat die AfD im bevölkerungsreichsten Bundesland nämlich die schlechtesten Umfragewerte. Genüsslich verbreiteten Anfang des Monats die internen Gegner des AfD-Landeschefs in Chat-Gruppen Tabellen, die NRW als Schlusslicht unter den Landesverbänden zeigt. "Vincentz integriert nicht, er führte die Partei ins Chaos", heißt es dazu.

Genau hier liegt eine Erklärung, warum NRW für die Partei ein schwieriges Pflaster ist. Trotz des Versuchs des Landeschefs, gemäßigt auftreten zu wollen, verfängt seine Strategie nicht. Vincentz will die Partei koalitionsfähig machen, seine internen Gegner um rechtsextreme Kräfte wollen jedoch genau das verhindern.

Richtungsstreit in der AfD wie sonst nirgends

Sie werfen Vincentz vor, dass er die AfD zu einer Partei wie die anderen machen wolle. Leute wie Matthias Helferich aus Dortmund lehnen den Kompromiss ab und fordern eine Linie wie im Osten: Radikaler und Kompromisslos: Entweder die AfD regiert alleine oder überhaupt nicht, so die Devise.

Diese Kräfte haben in der NRW-AfD nicht die Mehrheit, stellen etwas mehr als ein Drittel der Basis. Aber sie genießen den Rückhalt der mächtigen Bundeschefin Alice Weidel. In der aktuellen Lage ist es somit fast ausgeschlossen, dass die AfD einen geschlossenen Wahlkampf organisieren kann.

Es wäre nicht das erste Mal: Schon die Landtagswahlen 2017 und 2022 waren überschattet von Auseinandersetzungen einzelner Netzwerke. Zwei Mal setzte man zudem auf die falschen Themen. 2017 wollte man verstärkt Spätaussiedler ansprechen, 2022 versuchte man es mit einer Kampagne gegen die allgemeine Coronapolitik, während der Ukraine-Krieg ausbrach. Beides scheiterte, die Partei übersprang jeweils nur knapp die Fünf-Prozent-Hürde.

"Blaue Wellen" blieben bisher aus

Auch bei den Kommunalwahlen 2025 blieben prognostizierte "blaue Wellen" aus. In Ruhrgebiets-Städten wie Gelsenkirchen oder Duisburg konnte die AfD große Fraktionen stellen. In Hagen hatte sie sogar zeitweise die Hoffnung, die Stichwahl um das Oberbürgermeisteramt zu gewinnen. Aber landesweit 14,9 Prozent der Stimmen waren enttäuschend im Vergleich zur parteiinternen Erwartungshaltung.

Auch sonst hat die AfD in NRW massive Probleme, hier Fuß zu fassen. In Vereinen, Verbänden und Kirchen spielt die Partei so gut wie keine Rolle. Im Osten ist es kein Problem mehr, in der AfD zu sein und gleichzeitig ein Ehrenamt auszuüben. In NRW dagegen wird sofort Protest laut, wenn sich in einem Verband jemand offen zur Partei bekennt: Jüngstes Beispiel ein junger Schiedsrichter aus Euskirchen.

Als seine Parteiarbeit bekannt wurde, trat fast das ganze Kreissportgericht zurück, weil seine Arbeit als ein Referent für Jugendschiedsrichter nicht mit ihren Werten vereinbar sei. Der Fußball-Verband Mittelrhein appellierte zudem an das Gebot der parteipolitischen Neutralität.

Und da wäre noch die Struktur von NRW insgesamt. Fast ein Drittel der Menschen im Land haben einen Migrationshintergrund - kaum ein Land ist so geprägt von unterschiedlichen Herkünften wie NRW. Auch wenn eine autoritärere Politik durchaus in einigen Communitys Anklang finden kann: Der offen rechtsextreme Sound von Teilen der Partei schreckt immer noch mehr Menschen ab, als er ihr Wähler und Wählerinnen bringt.

"Blackbox" Nichtwählende

Doch es gibt auch Bereiche, in denen die AfD punkten kann. Bei der Landtagswahl 2022 lag die Wahlbeteiligung auf einem historischen Tief: Nur 55 Prozent derer, die wählen durften, gingen auch zur Urne. Keine Landtagswahl in den vergangenen Jahren hatte eine derart niedrige Mobilisierung.

Bei den jetzt stattgefundenen Wahlen in Berlin (74,22 Prozent) Mecklenburg-Vorpommern (78,1) oder Sachsen-Anhalt (77,8) sind die Wahlbeteiligungen deutlich gestiegen. Genau davon konnte die AfD profitieren.

Warum die NRW-AfD nicht auf Ost-Kurs ist

WDR Studios NRW 21.09.2026 4 Min. 27 Sek. Verfügbar bis 20.09.2028 WDR Online Von Christoph Ullrich

Fraglich, was solche Sprünge bei der Beteiligung für NRW bedeuten würden - man kann davon ausgehen, dass die AfD aber auch die Linke profitieren würden. Besonders die SPD hatte 2022 stark an die Nichtwählenden verloren - und sich deshalb auch nach der Wahl mit Strategien auseinandergesetzt, verlorenes Potenzial wieder zu gewinnen.

Herausforderung besonders für die SPD

Angesichts der Lage im Bund bedeutet das für die Sozialdemokratie eine Herausforderung. Vor allem bei Arbeitern verliert die SPD zusätzlich an die AfD. Dazu gehört aber auch: Die Bedeutung dieser einst großen Gruppe der Arbeitnehmerschaft hat deutlich abgenommen. Anders als noch zu Hochzeiten der SPD-Mehrheiten in den 1980ern und 1990er-Jahren entscheiden sich hier nicht mehr ausschließlich die Wahlen: Nur noch jeder fünfte Arbeitsplatz ist im produzierenden Gewerbe - einst waren es in NRW über 50 Prozent.

Es gibt also viele Faktoren die aktuell dagegen sprechen, dass die AfD-Wahlerfolge aus dem Osten so einfach auf Nordrhein-Westfalen übertragbar sind. Vielleicht muss man sogar eher von niederländischen Verhältnissen sprechen: Mit CDU, SPD, Grünen, AfD, Linke, FDP und vielleicht sogar dem BSW machen sich bis zu sieben Parteien Hoffnungen auf den Einzug in den Landtag. Was hier eine Rekordfragmentierung wäre, ist im westlichen Nachbarland der Normalzustand.

Unsere Quellen:

  • Statement AfD-Landeschef Vincentz
  • Eigene Recherche
  • AfD-Gruppen auf Telegram
  • Eigene Recherche
  • Landeswahlleitungen Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt
  • IT-NRW

Sendung: WDR.de, Warum die NRW-AfD nicht auf Ost-Kurs ist, 21.09.2026, 12:15 Uhr

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