Delegierte auf der AfD-Landesversammlung wählen Listenkandidaten

AfD in der Krise Der dreckige Kampf um die Landtagsmandate

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Seit der Aufstellung der Landesliste tobt in der AfD ein Machtkampf, der bundesweite Beachtung findet. Selbst für die skandalerprobte Landespartei ist die aktuelle Schlammschlacht außergewöhnlich.

Die Aufregung war groß: Am Mittwoch zirkulierte eine Anfechtung der Liste zur Landtagswahl. Verfasst hatten sie Matthias Helferich und Zacharias Schalley. Beide Verlierer der Listenaufstellung von Ende Juli. Die beiden "sehen den erfolgreichen Antritt der AfD zur nordrhein-westfälischen Landtagswahl 2027 aufgrund zahlreicher eklatanter Verstöße gegen Wahlrechtsgrundsätze gefährdet", schreiben sie in dem Antrag.

Das Chaos in der AfD geht weiter

WDR 5 Westblick - aktuell 14.08.2026 01:37 Min. Verfügbar bis 14.08.2027 WDR 5

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In Marl hatte sich das Lager ihres Gegners durchgesetzt. NRW-Landeschef Martin Vincentz hatte zeitweise bis zu zwei Drittel der Delegierten hinter sich. Und genau deshalb wurde der Landtagsabgeordnete Schalley nicht mehr auf die Liste gewählt.

Der Versuch, doch noch ein Mandat zu bekommen

Er ist einer der Rechtsextremen in der Partei, unterstützt verfassungsfeindliche Organisationen wie "Ein Prozent" und schrieb am Jahresanfang über Vincentz, der von Beruf Mediziner ist: "Der Arzt ist die Krankheit."

Schalley gehörte also zu den Kandidaten, die keinen Platz mehr in der künftigen Landtagsfraktion haben sollten. Um jedoch genau das zu verhindern, wurde der Parteitag vom selbsternannten "Patriotischen Lager" blockiert.

Der gemäßigte Parteiflügel sollte sich so dem Willen des Netzwerks von Ultrarechten (Helferich, Schalley) und weiteren persönlichen Vincentz-Gegnern beugen. Dazu wurden mittels einer Chat-Gruppe ("Operation Filibuster") massenhaft Kandidaten mobilisiert und vorgeschlagen.

Blockade und Eskalation bis nach Berlin

Zeitweise bewarben sich bis zu 100 Leute auf einen Listenplatz. Die Verantwortlichen für die Aktion hatten zu dem Zeitpunkt die Unterstützung der Bundeschefin Alice Weidel, es wurde sogar zeitweise vermutet, sie habe die Blockade mehr als nur geduldet. Auch das Tischtuch zwischen Weidel und NRW-Chef Vincentz gilt schon länger als zerschnitten.

Wegen dieser gesamten Eskalation intervenierte der AfD-Bundesvorstand und riet zum Abbruch der Versammlung in Marl. Dies jedoch geschah nicht, die Mehrheit auf dem Parteitag wollte eine Liste fertigwählen, was dann auch an weiteren Versammlungstagen geschah.

Die Blockierer hatten sich da längst mangels Mehrheit zurückgezogen. Inzwischen ist die Liste - nach WDR-Informationen - bei der Landeswahlleitung eingereicht.

Im Grunde sind damit Fakten geschaffen und die Geschichte wäre hier zu Ende: Sollte die AfD zugelassen werden, wird sie im Frühjahr 2027 mit einer fast durchgehenden Vincentz-Mannschaft in das Parlament einziehen. Genau das wollen die Gegner aber weiterhin verhindern.

20 Seiten Begründung - mit vagen Erfolgschancen

Entsprechend kommt jetzt die Anfechtung der Wahlversammlung beim Landesschiedsgericht der Partei. Auf 20 Seiten begründen Helferich und Schalley, warum die Versammlung eine nicht rechtssichere Liste gewählt hat. Inhaltlich wirft der Antrag jedoch keine Fragen auf, die wirklich problematisch sein könnten.

So wird moniert, dass die Wahlversammlung an einem Werktag (Freitag) begonnen hat. Das habe Delegierten die Teilnahme erschwert. Dabei hatte die AfD (wie auch andere Parteien) ihre Versammlungen schon vorher unter der Woche stattfinden lassen - zumal auch Samstage Werktage sind. Noch nie hat ein Gericht deswegen gegen eine Parteiversammlung entschieden.

Gerichte urteilten stets anders

Auch die weiteren Vorwürfe haben - zumindest juristisch - eine ähnliche Qualität. Fehler in Kreisverbänden bei der Delegiertenauswahl? Zu wenige Tischkabinen für Wahlen? Harte Ansagen bis hin zu Drohungen unter Delegierten, bestimmte Leute zu wählen? Ein technisches Auszählgerät, das zeitweise nicht funktionierte?

Alles Punkte, bei denen Wahlleitungen und ordentliche Gerichte noch nie eine Liste für eine Wahl haben durchfallen lassen, auch wenn es für die Partei selber alles unangenehme Vorfälle sind. Zu allen Punkten der Anfechtung finden sich entsprechende Gerichtsurteile, die eindeutig sind.

Vincrentz bleibt "gelassen"

Entsprechend äußert sich Landeschef Vincentz zu dem Einspruch. Er sieht ihm "ausgesprochen gelassen" entgegen. Dennoch könnte zumindest intern der Einspruch erfolgreich sein. Das Schiedsgericht der NRW-AfD besteht zwar wie vorgesehen aus Juristen, diese gelten aber teilweise als sogenannte "Helferich-Leute".

Der Dortmunder Bundestagsabgeordnete Mattias Helferich (AfD) sitzt hinter einer Wahlkabine auf der Landeswahlversammlung in Marl 2027

Matthias Helferich

Bildquelle: dpa

So kann es sein, dass der Anfechtung stattgegeben wird und mindestens eine Wiederholung der Wahl empfohlen wird - selbst wenn es fragwürdig erscheint, ob weitere Gerichte sich dem anschließen würden. Es ist aber nicht davon auszugehen, dass der Landesvorstand dann einer Wiederholung folgt - zumal am Ende ohnehin die Landeswahlleitung das letzte Wort hat.

Wer betreibt Kampagnenkanäle auf Telegram?

Weiteren Ärger könnte noch eine andere Sache verursachen: Seit Monaten treibt vor allem das Helferich-Lager Vorwürfe durch einschlägige Telegram-Gruppen. Auf dem Messengerdienst ist besonders der Kanal "Zur Lage" von Bedeutung - über 1.500 Menschen haben ihn abonniert. Er ist wichtiger Teil der Kampagne gegen das Vincentz-Lager.

Die dort verbreiteten Inhalte und Behauptungen haben schon mehrfach Anwälte beschäftigt. Bisher vermutete man Matthias Helferich hinter dem Kanal. Doch die dazugehörigen Mailadressen legen eine andere Spur in die AfD-Bundestagsfraktion.

Eine dem WDR vorliegende Abfrage bei der Internetregistrierungsstelle "Denic" zeigt, dass die zugehörigen Mail- und Webadressen hinter dem Kanal auf Rüdiger Lucassen registriert waren. Der Euskirchener Bundestagsabgeordnete war lange verteidigungspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion und Vincentz' Vorgänger als Landeschef.

Rüdiger Lucassen gerät wieder in den Fokus

Lucassen steht für die Westbindung Deutschlands und damit an die Nato - der ehemalige Bundeswehr-Mann wird oft als gemäßigt bezeichnet, auch wenn er den ihm persönlich sehr nahe stehenden Matthias Helferich verlässlich in Schutz nimmt.

Rüdiger Lucassen, verteidigungspolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion

Rüdiger Lucassen

Bildquelle: AFP/JOHN MACDOUGALL

Auf Nachfrage kann Lucassen nicht ausschließen, verantwortlich zu sein. "Ich schließe das nicht aus, kann es wegen urlaubsbedingter Abwesenheit von Mitarbeitern zurzeit nicht abschließend prüfen", schreibt er. Redaktionell arbeite er aber bei "Zur Lage" nicht mit, er lese lediglich den Kanal "zeitweise". Es könnten also Mitarbeiter gewesen sein, die im Namen Lucassens private Verträge abschließen dürfen, um parteiinterne Streitigkeiten zu befeuern.

Nutzt Lucassen eine Scheinadresse für die Parteiarbeit

Es gibt jedoch noch ein anderes Detail, das die Partei beschäftigen dürfte. Eigentlich soll Lucassen im Kreis Euskirchen wohnen. Dort hat er seinen Wahlkreis und wird vom dortigen Kreisverband als Delegierter für Parteitage aufgestellt. Bei der Meldung der Internetadresse wird allerdings eine Krefelder Adresse als Wohnort angegeben.

In Krefeld hat Landeschef Martin Vincentz das Sagen, Lucassen gilt ebenfalls nicht als Fan von ihm. "Es wäre insgesamt zum Vorteil unserer Partei, wenn Alice Weidel in der aktuellen Krise Führungsstärke zeigen und den NRW-Landesvorstand seines Amtes entheben würde", sagte Lucassen unlängst der Bild-Zeitung in Richtung Vincentz.

Möglicherweise unterhält er im Kreis Euskirchen genau deshalb eine Scheinadresse oder Zweitwohnung, um weiterhin parteiinterne Mehrheiten in einem anderen AfD-Kreisverband zu haben, in dem nicht Vincentz das Sagen hat.

"Ich war in der Vergangenheit mal in Krefeld gemeldet", schreibt der Bundestagsabgeordnete dazu. Allerdings wurden die Internetadressen erst im Sommer gelöscht - wiederum unter der Adresse in Krefeld.

Die Unruhe bleibt auch in den kommenden Wochen

Für die gesamte Partei dürften diese Vorgänge unangenehm bleiben. Eigentlich hatte man sich vor den Wahlen im Osten Ruhe verordnen wollen, um Erfolge nicht zu gefährden.

Dieser Sommer zeigt jedoch - im größten Landesverband der NRW-AfD und damit auch im Berliner Bundesvorstand ist die Unruhe vielleicht so groß wie lange nicht. Aus einem Sommer der Geschlossenheit sind Monate der Spaltung geworden.

Unsere Quellen:

  • Anfechtung AfD-Wahlversammlung durch Helferich, Schalley
  • Denic-Abfrage zu Adressen zum Telegram-Kanal "Zur Lage"
  • Statement Martin Vincentz
  • Antworten Rüdiger Lucassen auf WDR-Anfrage
  • Eigene Recherche

Sendung: WDR 5 Westblick, Das Chaos in der AfD geht weiter, 14.08.2026, 17:05 Uhr

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