Die Frage, wie viele Menschen der jüngsten Hitzewelle zum Opfer gefallen sind, lässt sich nicht präzise beantworten. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen wird Hitze nicht als Ursache auf einem Totenschein vermerkt. Dort gibt es Angaben wie Kreislauf- oder Herzversagen. Um es genau zu wissen, müsste man die Verstorbenen obduzieren. Das passiert aber nur in Ausnahmefällen, etwa wenn ein Verbrechen vermutet wird.
Zum anderen, und das hört man eher inoffiziell, kann niemand wissen, ob bereits alle Verstorbenen in ihren Wohnungen entdeckt wurden. Dass viele Menschen allein zu Hause sterben, sei eine gesellschaftliche Realität. Das sagt einer, der sich damit auskennt, aber nicht genannt werden will.
Sterblichkeit über dem Durchschnitt?
Um sich der Frage zu nähern, ob es in der vergangenen Woche eine sogenannte "Übersterblichkeit" gab, ob also mehr Menschen als sonst verstorben sind, ist man auf Indizien angewiesen. In einigen Tagen oder Wochen wird es dazu offizielle Statistiken geben, aber auch die beruhen auf Schätzungen. Man kann zwar sagen, um wie viele Sterbefälle man über dem Durchschnitt lag, aber welche dieser Menschen ursächlich durch Hitze gestorben sind, kann man nur sehr ungefähr sagen. Das Problem ist noch aus Coronazeiten bekannt: Starb eine Person an oder mit Corona? Und in diesem Fall: an oder mit der Hitze.
Volle Kühlräume
Ein Indiz liefert zum Beispiel der Verband der Bestatter, der die Interessen von über 1.000 Unternehmen in Nordrhein-Westfalen vertritt. Dessen Geschäftsführer Christian Jäger sagt, seine Verbandsmitglieder hätten von einer "ungewöhnlich hohen Auslastung ihrer Kühlkapazitäten" berichtet.
In Köln und Leverkusen sei es zu Engpässen beim Abtransport von Verstorbenen gekommen, berichtete Frank Stollmann aus dem Gesundheitsministerium am Mittwoch in Gesundheitsausschuss des Landtags. Bestattungsunternehmen hätten sich untereinander ausgeholfen um Verstorbene unterzubringen. Auch die Uniklinik in Düsseldorf habe sterbliche Überreste vorübergehend aufgenommen.
Herausfordernde Situation
Die Deutsche Gesellschaft für Notfallmedizin berichtet, die Notfallaufnahmen in Deutschland hätten während der Hitzeperiode "eine im Verlauf deutlich zunehmende erhöhte Inanspruchnahme" festgestellt, sagte Ingmar Gröning dem WDR. Er ist Chefarzt an der Klinik für Notfallmedizin in Krefeld. Am letzten Wochenende habe sich die Situation in seiner Stadt schlagartig geändert. Es sei zu "mannigfaltigen Vorstellungen" in der Klinik gekommen, trotz zusätzlicher Personalplanung sei die Situation "herausfordernd gewesen".
Gesundheitsministerium: "Hitzebedingte Überlastungssituationen"
Notaufnahmen teils überlastet
Ein Bericht des NRW-Gesundheitsministeriums an den zuständigen Ausschuss des Landtags beschreibt die Lande im Lande noch drastischer: Es sei zu "hitzebedingten Überlastungssituationen" bei Rettungsdiensten sowie in Krankenhäusern und Pflegeheimen gekommen, vor allem in den Regierungsbezirken Köln und Düsseldorf, teils aber auch in den Bezirken Arnsberg und Münster. Auslastungsspitzen in den Notaufnahmen seien am Samstagabend zwischen 22 Uhr und Mitternacht verzeichnet worden. Ähnlich die Lage auf den Intensivstationen in der Nacht zum Sonntag zwischen Mitternacht und 8 Uhr.
Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann sprach von "teilweise schwierigen Stunden". Die Hitze habe nicht nur Patienten und Pflegebedürftigen zu schaffen gemacht, sondern auch dem medizinischen Personal. Das System aus Rettungsdiensten und Krankenhäusern "war schwer unter Druck, hat aber standgehalten", sagte Laumann im Gesundheitsausschuss.
Feuerwehr hilft mit Kühlung aus
Auch Einheiten des Katastrophenschutzes und private Krankentransportunternehmen hatten unterstützt. Punktuell halfen, dem Bericht zufolge, auch Feuerwehren, etwa auf der Kinderintensivstation des allgemeinen Krankenhauses in Hagen. Nach dem Ausfall der dortigen Klimaanlage hätten Feuerwehrleute mit Akkulüftern für Kühlung gesorgt.
In Dormagen war ein Pflegeheim komplett evakuiert worden, in Krefeld wurden Bewohner eines anderen Pflegeheims vorübergehend verlegt.
Angesichts des Klimawandels werde man sich darauf vorbereiten müssen, "dass wir in Zukunft häufiger mit derartigen Hitzewellen konfrontiert werden", resümiert der Bericht aus dem Hause von Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU).
Wolle man alle Zimmer in Krankenhäusern und Pflegeheimen mit Klimaanlagen ausrüsten, werde man große Investitionen vornehmen müssen, sagte Laumann dem WDR. Derzeit sei diese Ausgabe nicht im Landeshaushalt vorgesehen.
Unsere Quellen:
- Christian Jäger, Verband der Bestatter NRW
- Statement von Dr. Ingmar Gröning, Deutsche Gesellschaft für Notfallmedizin
- Bericht des NRW-Gesundheitsministeriums an den Gesundheitsauschuss des Landtags vom 30. Juni 2026
- WDR-Interview mit Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU)
Sendung: WDR.de, Hitzewellen und ihre Folgen: Laumanns Hitzebericht, 01.07.2026, 15.30 Uhr
