Mit 45 zurück auf die Schulbank

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WDR 3 Min. 16 Sek. Verfügbar bis 11.03.2037

Um die Bäckerei in Lemgo zu retten Mit 45 Jahren zurück in die Schule

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Mit 45 Jahren macht Ann-Kathrin Lüttmann die Ausbildung zur Bäckerin. Damit die Familienbäckerei eine Zukunft hat.

Ann-Kathrin Lüttmann ist auf dem Weg zum Klassenzimmer. Für die 45-Jährige ist es der dritte Schultag. Der Weg durch die Gänge fühlt sich inzwischen vertrauter an. "Am ersten Schultag haben mir alle Schüler so nett "Hallo" gesagt. Irgendwann habe ich gecheckt: Die dachten, ich bin eine Lehrerin", erzählt sie schmunzelnd.

Die Älteste in der Klasse

Die meisten Mitschülerinnen sind mehr als 20 Jahre jünger als Ann-Kathrin. Eine Mitschülerin nennt sie liebevoll "Mama". Ann-Kathrin nimmt das mit Humor. Sonst spielt das Alter kaum eine Rolle. Es ist eine kleine Klasse. Nur eine weitere Mitschülerin macht auch die Bäckerausbildung. Die anderen lernen den Beruf der Verkäuferin.

Ann-Kathrin Lüttmann füllt das Teiggemisch in den Knetautomaten. Ihre Mitschülerinnen schauen ihr zu.

In der Lehrküche knetet Ann-Kathrin mit ihren Mitschülerinnen den Brötchenteig.

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Klassenlehrer Adrian Krüger beginnt die Stunde und will heute mit den Schülerinnen Weizenbrötchen backen. Dafür müssen sie die richtigen Mengenangaben für das Rezept berechnen. Gemeinsam erarbeiten sie den Rechenweg für die sogenannte Teigausbeute. Das gehört zum Prüfungsstoff für die Zwischenprüfung.

Nach dem Theorieunterricht geht es in die Lehrküche. Aus Mehl, Hefe, Backmittel, Butter, Wasser und Salz entsteht der Brötchenteig. Anschließend formen die Schülerinnen den Teig zu Brötchen und schieben sie in den Ofen. Ann-Kathrin hat bereits Erfahrung.

Nachts beginnt die Arbeit

Brötchen geformt und gebacken hat sie auch schon in der Backstube der Familienbäckerei in Lemgo. Denn an den restlichen Tagen in der Woche arbeitet die 45-Jährige dort mit. Dafür steht sie mitten in der Nacht auf. Das frühe Aufstehen ist allerdings nicht die größte Herausforderung.

Ann-Kathrin Lüttmann steht zusammen mit den anderen Bäckergesellen in der Backstube. Gemeinsam produzieren sie Lemgoer Strohsemmel.

In der Backstube in Lemgo wird Ann-Kathrin von den Mitarbeitern unterstützt.

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"Ich habe gedacht, was mich belastet, wäre das frühe Aufstehen. Was ich aber unterschätzt habe, ist die körperliche Arbeit. 60 Kilo Teig tragen, das ist richtig anstrengend! Da muss ich wirklich noch viele Muskeln aufbauen", sagt Ann-Kathrin Lüttmann.

Familienbäckerei fehlt Nachfolge

Ihr Ehemann Oliver Güttge steht seit 40 Jahren in der Backstube. Inzwischen ist er 59 Jahre alt. Was passiert, wenn er aufhört, war lange Zeit nicht klar. Eine Nachfolge haben sie bisher nicht. Die Kinder sind zu jung oder wollen erst einmal was anderes machen. Ein Problem, vor dem viele Bäckereien stehen. Da kam Ann-Kathrin die Idee.

"Ich wäre traurig, wenn unsere Enkelkinder den Geruch der Backstube nicht mehr kennen würden und habe mir gedacht: Irgendwas muss ich tun!" Ann-Kathrin Lüttmann, Bäckerauszubildende

Die Entscheidung war schnell getroffen: Ann-Kathrin macht die Ausbildung zur Bäckerin. Im Familienbetrieb arbeitet sie zwar schon seit Jahren mit. Bisher kümmerte sie sich jedoch vor allem um Buchhaltung und Organisation. Die Backstube war ihr bis zum Start ihrer Ausbildung fremd. Das ändert sich jetzt.

Der eigene Ehemann als Ausbilder

In der Backstube ist Oliver nicht nur ihr Mann. Er ist auch ihr Ausbilder. Bei der Arbeit mit dem Spritzbeutel schaut er seiner Frau über die Schulter: "Nimm nicht so viel Butter, sonst schwimmt die nachher auf dem Kuchen. Und nicht so doll drücken."

Bäckerlehrling Ann-Kathrin Lüttmann spritzt die Butter mit einem Spritzbeutel auf den Teig, daraus wird Butterkuchen.

Die Arbeit mit dem Spritzbeutel macht Ann-Kathrin Spaß.

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In den ersten Wochen hat sie schon viel gelernt, sagt er. Oliver ist stolz und dankbar, dass seine Frau diesen Schritt geht und der Bäckerei, die den beiden so am Herzen liegt, eine Zukunftsperspektive gibt.

"Ich bin durch und durch Bäcker. Mein Vater hat den Betrieb aufgebaut, ich bin hier groß geworden und habe auch sehr früh mitgeholfen. Wenn man hier den Laden zu machen würde, das wäre für mich wie Sterben auf Raten. Das ist einfach unser Leben!" Oliver Güttge, Bäckermeister
Oliver Güttge und Ann-Kathrin Lüttmann stehen nebeneinander. Sie hält ein Blech mit geflechteten Hefezöpfen in die Kamera.

Oliver Güttge und Ann-Kathrin Lüttmann in der Backstube.

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Zwischen Schulbank und Backstube

Zurück im Berufskolleg kommen die selbstgebackenen Weizenbrötchen aus dem Ofen. Nächster Unterrichtspunkt ist die Qualitätskontrolle. Das klappt bei Ann-Kathrin schon ganz gut.

Ann-Kathrin Lüttmann schaut auf ihre gebackenen Weizenbrötchen auf dem Blech. Lehrer Adrian Krüger schaut sie sich an und hält eins in der Hand.

Klassenlehrer Adrian Krüger nimmt Ann-Kathrins Brötchen unter die Lupe.

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In den kommenden zwei Jahren wird sie weiterhin Berufsschule und Backstube miteinander verbinden. Nach der Ausbildung möchte sie nicht jeden Tag backen. Aber sie will die Abläufe verstehen und fachlich mitreden können.

Vor allem möchte sie sicherstellen, dass die Familienbäckerei weiterbesteht. Bis eine Nachfolge gefunden ist. Oder bis die eigenen Kinder so weit sind. Damit auch künftig frische Brötchen und Backwaren aus dem Ofen der Bäckerei Güttge kommen.

Unsere Quellen:

  • Recherchen der WDR-Reporterin vor Ort
  • Interview mit Ann-Kathrin Lüttmann
  • Inteview mit Oliver Güttge
  • Besuch am Felix-Fechenbach-Berufskolleg

Sendung: WDR.de, Mit 45 zurück auf die Schulbank, 26.09.2026, 05:01 Uhr

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