Geschichten übers Ankommen in Deutschland
Bildquelle: WDR / Jenny WeißenfelsWDR. 3 Min. 13 Sek.. Verfügbar bis 21.09.2028.
"Wo kommst du eigentlich her?" Eine einfache Frage. Und doch kann sie ganz unterschiedliche Reaktionen hervorrufen. Für Charmi ist die Antwort eigentlich ganz selbstverständlich: aus Indien. Gleichzeitig lebt sie in Deutschland, geht hier zur Schule und wächst mit zwei kulturellen Perspektiven auf. Sie mag genau das, sagt sie.
Zwei Länder zu kennen, zwei Kulturen - für sie ist das eine Bereicherung. Aber manchmal merkt die Dreizehnjährige auch: Es kommt darauf an, wie jemand fragt.
Charmi sitzt im Unterricht am Landrat-Lucas-Gymnasium in Leverkusen-Opladen. Sie gehört zu einer Internationalen Vorbereitungsklasse. Hier lernen Jugendliche Deutsch, die erst während ihrer Schulzeit nach Deutschland gekommen sind. Einige haben ihre ersten Lebensjahre in Syrien verbracht, andere in Indien, Albanien, der Ukraine oder Dubai.
Im Unterricht wird laut vorgelesen. Wort für Wort wird aus einer fremden Sprache langsam eine vertraute. Es ist ein ganz praktisches Stück Ankommen.
Ankommen heißt nicht: alles hinter sich lassen
Nur ein paar Tische weiter lernen Schülerinnen und Schüler in der "Lernzeit plus" Deutsch. Deutsch ist für sie die zweite Sprache, zu Hause wird eine andere gesprochen. Manche kennen eine Rolle, die für Kinder ungewöhnlich groß sein kann: Sie übersetzen für ihre Eltern - beim Amt, beim Arzt oder wenn ein Brief von einer Behörde kommt.
Die Lehrerinnen Mareike Lathe, Alina Kiuzauskas und Kathrin Steffens
Bildquelle: WDR / Jenny Weißenfels"Ankommen" bedeutet für sie deshalb mehr als neue Wörter zu lernen. Lehrerin Alina Kiuzauskas sagt: Die Jugendlichen sollen ihre Herkunft nicht ablegen, um hier dazuzugehören. Im Gegenteil. Sie sollen beide Perspektiven behalten dürfen - und stolz darauf sein.
Dass das funktionieren kann, zeigt sich auch daran, dass immer wieder Schülerinnen und Schüler aus diesen Klassen ihr Abitur machen.
Genau solche Geschichten erzählen sie jetzt in einem Buch: "Wir Kuckucksbürger". 33 Menschen aus Köln und Umgebung haben aufgeschrieben, was sie mit dem Ankommen in Deutschland verbinden. Es geht um Herkunft, Sprache, Identität und die Frage, wo man eigentlich hingehört. Und um Menschen, die längst angekommen sind - auch wenn sie sich manchmal noch erklären müssen.
Mit 18 nach Deutschland - heute Chefärztin
Eine davon ist Dr. Ranka Marohl. Sie kam mit 18 Jahren aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland. Sie lernte die Sprache, machte hier ihre Ausbildung und ging ihren beruflichen Weg. Heute ist sie 55 Jahre alt und Chefärztin für Notfall- und Akutmedizin am Krankenhaus Köln-Porz.
Deutschland, sagt sie, habe sie nie als Bedrohung gesehen. Für sie war das neue, fremde Land vor allem eine Chance. Natürlich habe es Gegenwind gegeben. Menschen, die ihr aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Sprache oder ihrer kulturellen Prägung weniger zugetraut hätten. Aber davon habe sie sich nicht aufhalten lassen.
Fleiß, Disziplin und Motivation seien entscheidend gewesen. Und vor allem: sich selbst nicht kleinmachen zu lassen.
"Sich selbst nicht kleinmachen lassen"
Diese Haltung gibt sie heute Jugendlichen weiter. Sie sollen sich nicht von den Erwartungen anderer begrenzen lassen. Sie sollen sich etwas zutrauen - auch dann, wenn andere es ihnen zunächst nicht zutrauen.
"Ihr könnt alles schaffen, wenn ihr euch nicht unterkriegen lasst!" Ranka Marohl, Ärztin
Was bleibt, wenn man ankommt?
Vielleicht ist genau das die Frage hinter "Wir Kuckucksbürger". Denn Ankommen ist keine Einbahnstraße. Die Menschen, die nach Deutschland kommen, verändern sich - sie lernen eine neue Sprache, eine neue Umgebung, neue Regeln. Aber auch die Gesellschaft, in der sie ankommen, verändert sich durch ihre Geschichten, Erfahrungen und Perspektiven.
Am Landrat-Lucas-Gymnasium wird genau das sichtbar. Die Jugendlichen lernen Deutsch, ohne ihre erste Sprache und ihre Herkunft vergessen zu müssen.
Und das Buchprojekt möchte nicht nur Geschichten erzählen. Ein Teil des Erlöses von "Wir Kuckucksbürger" soll in Bildungsprojekte wie die am Landrat-Lucas-Gymnasium fließen, berichtet Lehrerin Mareike Lathe. Mit dem Geld könnten zum Beispiel Unterrichtsmaterialien angeschafft oder Ausflüge ins Kino ermöglicht werden.
Die Jugendlichen am Landrat-Lucas-Gymnasium kommen aus verschiedensten Ländern
Bildquelle: WDR / Jenny WeißenfelsZurück im Klassenzimmer wird wieder gelesen. Deutsch, laut und gemeinsam. Vielleicht ist das eine der schönsten Formen des Ankommens: eine neue Sprache zu lernen, ohne die alte verstummen zu lassen.
Und irgendwann auf die Frage "Wo kommst du eigentlich her?" nicht mehr nur einen Ort nennen zu müssen - sondern sagen zu können: Ich komme von hier. Und von dort.
Unsere Quellen:
- Dr. Ranka Marohl, Ärztin am Klinikum Köln-Porz
- Landrat-Lucas-Gymnasium Leverkusen
- Buch "Wir Kuckucksbürger"
Sendung: WDR.de, Geschichten übers Ankommen in Deutschland, 21.09.2026, 7:51 Uhr
