Die Stahlspulen kommen aus dem Duisburger Werk nach Gelsenkirchen.
Bildquelle: WDR / Marie VandenhirtzEU schützt Gelsenkirchener Werk : Warum das Elektroband so wichtig ist
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Ohne Elektroband steht die Energiewende still. Die EU hat nun entschieden es zu schützen und sichert damit gleichzeitig 700 Beschäftigte in Gelsenkirchen. Zu Besuch in einem Werk, für das der Stahl mehr ist als nur ein Job.
Dietmar Schäfer findet Stahl "sexy", sagt er scherzhaft und lacht. Auch wenn es ein Schwerz war, man kauft es ihm ab. Schäfer läuft durch die großen Produktionshallen von Thyssenkrupp Electrical Steel (TKES), vorbei an Walzstraßen und Öfen. Durch die Glasdecke der Halle scheint die Herbstsonne hinein. Immer wieder bleibt er stehen.
Er spricht von einem Atomgitter im Metall und erzählt, wie im Ofen bei genau der richtigen Temperatur über eine ganze Woche hinweg winzige Kristallkörner im Stahl wachsen. "Deswegen heißt es kornorientiertes Elektroband", erklärt er – das Produkt, das hier in Gelsenkirchen entsteht.
Dietmar Schäfer in der Produktionshalle in Gelsenkirchen-Schalke.
Bildquelle: WDR / Marie VandenhirtzOhne dieses Elektroband würde die Energiewende stillstehen. Es steckt zum Beispiel in den großen Transformatoren, die Windparks ans Netz anschließen, aber auch in kleineren Transformatoren, die den Strom bis vor die Haustür bringen.
In Europa wird es aber nur an gerade einmal vier Standorten hergestellt – einer davon ist Gelsenkirchen-Schalke.
Stillstand statt Weihnachtsgeld
Schäfer ist seit 1984 bei TKES in Gelsenkirchen, hat hier seine Ausbildung gemacht, kennt Kolleginnen und Kollegen noch aus der Lehre und arbeitet heute als Senior-Experte für Verbesserungen in der Produktion. Doch in den vergangenen Monaten wurde sein Feuer für den Stahl ziemlich auf die Probe gestellt.
Im Herbst 2025 musste die Produktion erst teilweise stillliegen, im Dezember kam es dann zum vollständigen Betriebsstillstand bis zum Jahresende. Gerade zur Weihnachtszeit, wenn er und seine Kolleginnen und Kollegen normalerweise gut verdienen können, sei das schwierig gewesen, sagt Schäfer.
Mit einem Kran werden die tonnenschweren Stahlspulen von Maschine zu Maschine transportiert.
Bildquelle: WDR / Marie VandenhirtzDer Grund: Konkurrenz aus asiatischen Ländern flutete den Markt mit Billigware und machte dem Werk Konkurrenz. In Gelsenkirchen war man bei den Preisen deutlich teurer – und so bestellten Auftraggeber lieber bei der Konkurrenz. Für die rund 700 Beschäftigten in Gelsenkirchen gab es damit zu wenig Arbeit.
Am 18. September dann die große Erleichterung: Die EU-Kommission entschied, kornorientiertes Elektroband zu schützen – und zwar nicht nur den Rohstoff selbst, sondern die gesamte Wertschöpfungskette: vom Elektroband über die daraus gefertigten Bauteile bis hin zu kompletten Transformatoren.
Erleichterung nach Entscheidung aus Brüssel
Seit vergangenen Freitag (25.09.) sind die Billigimporte deswegen nun teurer – vorerst bis Ende Februar 2027. Für das Werk in Gelsenkirchen-Schalke ist diese Entscheidung eine große Erleichterung.
Marcel Hilgers ist bei TKES für den Vertrieb zuständig und war in den vergangenen Monaten in die Gespräche mit Brüssel eingebunden. Für ihn ist die Entscheidung "etwas wirklich Historisches": Erstmals schützt die EU nicht nur das Rohmaterial, sondern die gesamte Kette.
Die Politik habe damit erkannt, wie wichtig es sei, diese in Europa zu erhalten und eine völlige Abhängigkeit von asiatischen Importen zu verhindern, so Hilgers. Auch in der Produktion kommt die Nachricht an: Die Auftragsbücher würden sich bereits merklich füllen, seit die Maßnahme bekannt sei, sagt er.
Marcel Hilgers ist bei TKES für den Vertrieb zuständig.
Bildquelle: WDR / Marie VandenhirtzDoch im Werk weiß man auch: Die EU-Entscheidung allein reicht nicht. "Wenn man jetzt die Wirtschaftsnachrichten liest, ist ja nicht alles rosarot", sagt Schäfer. "Dann machen sich die Mitarbeiter natürlich auch Gedanken, ob es einen selber treffen könnte."
Das Unternehmen hat deshalb parallel ein Effizienzprogramm gestartet – mit Projektteams aus Produktion, Vertrieb, gemeinsam mit dem französischen Werk, in dem TKES auch produziert, um auch aus eigener Kraft wettbewerbsfähiger zu werden.
Die EU-Entscheidung hat dem Unternehmen vor allem mehr Luft gegeben, um nach neuen Lösungen zu suchen. Schäfer merke gerade "eine Art Aufbruchstimmung" im Betrieb. Sich jetzt zurückzulehnen, wäre aus seiner Sicht "grundsätzlich falsch" und eine "ganz gefährliche Denke".
Ofen Nr. 04 - selbstverständlich in Blau-Weiß, den Vereinsfarben von Schalke 04.
Bildquelle: WDR / Marie VandenhirtzSchließlich ist die EU-Maßnahme zeitlich begrenzt und die Konkurrenz auch Asien immer noch da. Laut Unternehmensangaben haben sich die chinesischen Elektroband-Exporte nach Europa seit 2020 mehr als verzehnfacht.
China habe inzwischen einen Weltmarktanteil von rund 60 Prozent aufgebaut – 2010 waren es noch etwa 20 Prozent.
Ich kanne einige Familien, die schon in der dritten Generation in diesem Werk arbeiten. Da gibt es schon eine sehr starke Verbundenheit zum Unternehmen. Dietmar Schäfer, Leiter der Produktionsplanung im Werk
Die neue Regelung der funktioniert über zwei Hebel: Es gibt Mengengrenzen für Importe und wer mehr liefern will, muss einen Mindestpreis zahlen. TKES will diese dauerhaft.
Dabei gehe es nicht darum, Wettbewerb zu verhindern, sondern darum, dass er nicht über dauerhaft verzerrte Preise stattfinde, sagt Hilgers. Kritiker befürchten, dass ein Mindestpreis den Netzausbau verteuert und sich letztlich auf die Stromrechnung auswirkt.
TKES verweist dagegen auf eine von dem Unternehmen beauftragte Studie. Demnach läge der zusätzliche Effekt auf die jährlichen Netzausbaukosten bei weniger als 0,002 Cent pro Kilowattstunde. Der europäische Stahlverband nennt eine ähnliche Größenordnung, unabhängige Auswertungen gibt es bisher nicht.
In dieser Waschstraße wird der Stahl für den nächsten Produktionsschritt vorbereitet.
Bildquelle: WDR / Marie Vandenhirtz"Ein wichtiger Erfolg" – mit Einschränkungen
Auch die IG Metall befürwortet eine solche dauerhafte Regelung. Sonst, so die unausgesprochene Sorge laut einem Sprecher, könnte nach Februar wieder derselbe Zustand herrschen wie zuvor.
Die EU-Entscheidung sei daher zwar ein "wichtiger Erfolg", doch seien die Arbeitsplätze durch die vorläufige Maßnahme allein noch nicht dauerhaft gesichert. So schwankt die Stimmung in der Belegschaft weiter "zwischen Erleichterung und Vorsicht", so der Sprecher.
Solidarität mit dem Werk ist groß
Was in Gelsenkirchen aber beeindruckt, ist die Solidarität mit dem Werk. Oberbürgermeisterin Andrea Henze berichtet von zahlreichen Gesprächen der vergangenen Monate, von Besuchen aus fast allen demokratischen Parteien am Standort und dem Versuch, den Druck bis nach Berlin und Brüssel zu tragen.
Für Henze steht dabei nun auch in der Zeit bis Februar mehr auf dem Spiel als eine Zahl von Arbeitsplätzen: Das Werk in Gelsenkirchen stehe für einen Teil dessen, was von der Industriestadt noch übrig ist, für Identität in einer Stadt, die gerade einen Strukturwandel erlebt.
Für mich ist vor allem wichtig, dass die Arbeitsplätze erst einmal gesichert sind. Andrea Henze, Oberbürgermeisterin von Gelsenkirchen
Am Ende gehe es außerdem "um noch mehr als nur den Standort in Gelsenkirchen", sagt Henze, "sondern auch um Resilienz für Deutschland und Europa in der Energie- und Mobilitätswende."
Wie es weitergeht
Bis Ende Februar muss nun eine qualifizierte Mehrheit der EU-Mitgliedstaaten – mindestens 15 Länder – über eine dauerhafte Regelung entscheiden. Zehn Länder haben der provisorischen Maßnahme bereits zugestimmt.
Dafür kämpfe man nun in Brüssel und beim Bund, so Henze. Eine "endgültige Standortgarantie" sei die Entscheidung schließlich noch nicht. Auch Hilgers, der die Maßnahme als historischen Erfolg feiert, mahnt: "Wir sind noch nicht am Ende."
Für Stahlarbeiter wie Schäfer geht es nun erst einmal weiter – in dem Beruf, den er schon sein ganzes Leben lang gemacht hat. Und dass ausgerechnet dieser Stahl über die Zukunft der Energiewende mitentscheidet, gibt ihm einen Grund mehr, weiterzumachen.
Unsere Quellen:
- Gespräch mit Andrea Henze, Oberbürgermeisterin Gelsenkirchen
- Gespräch mit Beschäftigten bei Thyssenkrupp Electrical Steel
- Schriftliche Stellungnahme IG-Metall NRW
- Studie: GOES Safeguard Investigation Impact of a potential MIP on Grid Investment Costs and Network Tariffs vorgelegt von Thyssenkrupp Electrical Steel
- European Steel Association
- Reporterin vor Ort
Sendung: WDR.de, Gelsenkirchener Werk bekommt eine neue Chance, 28.09.2026, 05.00 Uhr
