"Parlamentsgespräch" mit Joachim Gauck im Düsseldorfer Landtag

Ex-Bundespräsident im Landtag Joachim Gauck fordert mehr Mut für die Demokratie

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Im NRW-Landtag hat Joachim Gauck für mutige Reformen und Engagement geworben. Politik müsse die Ängste der Menschen ernst nehmen.

Im Rampenlicht sitzt er nicht gern. Das machte Joachim Gauck gleich zu Beginn der Veranstaltung deutlich: "Kann das Licht etwas gedimmt werden? Ich habe es immer gern, wenn ich die Leute sehe", bat Gauck, als er auf der kleinen Bühne im Restaurant des Düsseldorfer Landtags Platz genommen hatte.

Der ehemalige Bundespräsident war zusammen mit der Journalistin Kerstin Münstermann von der Rheinischen Post am Dienstagabend Gast bei den "Parlamentsgesprächen", die in unregelmäßigen Abständen im Düsseldorfer Landtag stattfinden. An diesem Abend stand das Gespräch unter dem Thema "80 Jahre Landtag NRW - Demokratie in Krisenzeiten!?".

Krise? Welche Krise?

Auf die Frage im Titel "Krisenzeiten!?" hatte Gauck eine klare Antwort: Nein, die Demokratie befinde sich nicht in einer Krise. "Die Demokratie ist irgendwie erschüttert", befand Gauck. Mit dem Wort Krise würde er aber zurückhaltend umgehen. Denn: Institutionen und Wahlen funktionierten, es gebe eine vielfältige Medienlandschaft und Bürger, die die Demokratie verteidigten.

"Wir sind die Autoren der Demokratie." Joachim Gauck

Reformen erklären und durchhalten

"Parlamentsgespräch" mit Joachim Gauck im Düsseldorfer Landtag

Gauck: "Ohne Mut keine Zukunft."

Bildquelle: WDR / Rainer Striewski

Gefährlich werde es allerdings, wenn die Menschen der Politik nicht mehr zutrauten, Probleme zu lösen. Wer nur abwarte, statt zu gestalten, verspiele Vertrauen, so Gauck. Dabei forderte er, Reformen verständlich zu erklären und an ihnen festzuhalten - und diese auch gegen Widerstände zu vertreten. "Ohne Mut keine Zukunft", betonte Gauck.

Das könne politisch riskant sein, erklärte Gauck mit Blick auf die Reformen unter dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder. "Mut ist möglich. Wir wissen nicht immer, ob er sich auszahlt in einer Gesellschaft, die Angst wichtiger findet als Mut."

"Ohne Mut keine Zukunft." Joachim Gauck

Sorgen sehen und ernst nehmen

Den Zulauf zu populistischen Parteien erklärte Gauck auch mit der Angst vor gesellschaftlichem Wandel. "Wenn ein Großteil der Bevölkerung merkt, die Politik ist geprägt vom Abwarten, dann gibt es diesen Vertrauensverlust", so Gauck. Zudem müssten Politiker die Nähe der Leute suchen, deren Sorgen sie selbst nicht teilten. Zuhören bedeute jedoch nicht, jeden Wunsch zu erfüllen oder einfache Antworten zu versprechen.

"Parlamentsgespräch" mit Joachim Gauck im Düsseldorfer Landtag

"Parlamentsgespräch" im Düsseldorfer Landtag

Bildquelle: WDR / Rainer Striewski

In Ostdeutschland gebe es eine andere Mentalitätslage, erklärte Gauck. Dort wirkten die Erfahrungen jahrzehntelanger Diktatur nach. Die Menschen seien daran gewöhnt worden, dass andere über sie entschieden. "Die Menschen dort haben zwar keine schlechteren Charaktere, aber eine andere Geschichte von Ermächtigung oder Ohnmacht."

Demokratie braucht Beteiligung

Ob Ost oder West - Gauck nahm alle Bürger in die Pflicht: Sie sollten sich in Parteien, Vereinen oder Bürgerinitiativen engagieren. Freiheit bedeute auch, Verantwortung zu übernehmen, so Gauck. Darin liege die Chance, dem eigenen Leben einen Sinn zu geben. "Wenn du dich nicht mühst, wird dein Leben zu leicht", so Gauck. "Diejenigen, die Verantwortung akzeptieren, haben zwar zu arbeiten, aber letztlich ein sinnvolleres Leben."

"Sinn macht glücklich. Sinn stiftet Glück" Joachim Gauck

Und auch an die Medien appellierte er, ein vollständigeres Bild der Wirklichkeit zu zeichnen. Kritische Medien seien unverzichtbar, betonte Gauck. Aber wenn immer nur die Defizite sichtbar würden und auf der anderen Seite die Dinge, die funktionieren, nicht vorkommen, weil sie nicht interessant genug seien, dann entstehe eine verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit.

Wahlaufruf und Warnung am Schluss

Am Ende der Veranstaltung berichtete Gauck von einem speziellen Datum in seinem Leben: dem 18. März 1990. Damals konnte Gauck im Alter von 50 Jahren zum ersten Mal in seinem Leben frei wählen. Als er damals das Wahllokal verließ, hatte er Tränen in den Augen.

Auf die Frage, ob er traurig sei, antwortete Gauck damals: "Ich bin glücklich, denn ich habe gewählt." Seitdem habe er nie wieder irgendeine Wahl versäumt. "Ich kann gar nicht anders, als voller Freude dahingehen", führte er aus - und schloss mit einer Warnung an das Publikum im Düsseldorfer Landtagsrestaurant: "Und wenn Sie das nächste Mal nicht zur Wahl gehen, erscheine ich Ihnen im Traum."

Joachim Gauck fordert mehr Mut und Einsatz für Demokratie

WDR Studios NRW 22.09.2026 54 Sek. Verfügbar bis 21.09.2028 WDR Online

Unsere Quellen:

  • "Parlamentsgespräch" im NRW-Landtag mit Joachim Gauck

Sendung: WDR.de, Joachim Gauck fordert mehr Mut und Einsatz für Demokratie, 22.09.2026, 21:00 Uhr

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