Die Stadt Hagen will an diesem Donnerstag eine Kastrationspflicht für Freigänger-Katzen beschließen. Die neue Verordnung soll ab September 2026 gelten. Die Stadt verweist auf den Tierschutz. Angesichts der steigenden Zahl von verwilderten Straßenkatzen im Stadtgebiet sei es notwendig, die Vermehrung der Tiere zu begrenzen. Reine Wohnungskatzen ohne Freigang sind von der Vorschrift nicht betroffen.
Hagen ist längst nicht die erste Kommune, die Katzenbesitzer in die Pflicht nimmt. Nach Auskunft des Deutschen Tierschutzbunds haben bereits 125 Städte und Gemeinden in NRW entsprechende Regeln erlassen - darunter fast alle Großstädte.
Was ist der Sinn solcher Verordnungen? Welche Erfahrungen haben Städte damit gemacht? Und welche Folgen hat eine ungehemmte Vermehrung für die Tiere selbst?
Wie viele Katzen gibt es in NRW?
Katzen sind bereits seit vielen Jahren die beliebtesten Heimtiere in Deutschland. Nach einer Studie des Industrieverbands Heimtierbedarf (IVH) aus dem Jahr 2024 ist in 25 Prozent der deutschen Haushalte mindestens eine Katze zuhause. Bundesweit gibt es demnach geschätzt rund 16 Millionen Tiere, davon etwa 2,3 Millionen in Nordrhein-Westfalen.
In Wahrheit dürfte diese Zahl allerdings weit höher liegen: Organisationen wie der Deutsche Tierschutzbund schätzen, dass eine siebenstellige Zahl von verwilderten Katzen auf deutschen Straßen lebt. Weil diese Tiere äußerst scheu sind und den Kontakt zu Menschen vermeiden, bleibt ihre Existenz oft im Verborgenen.
Welche Erfahrungen haben NRW-Kommunen mit der Kastrationspflicht gemacht?
Eine WDR-Umfrage unter mehreren Kommunen mit Kastrationspflicht ergab, dass die Folgen der Verordnung für die örtliche Katzenpopulation meist nicht bekannt sind. In einigen Fällen konnte man einen Effekt aber an der leicht sinkenden Zahl der von den Tierheimen aufgenommenen Straßenkatzen ablesen, teilte der Landestierschutzverband NRW mit. In der Regel müsse man aber einige Jahre warten, bis sich die Verordnung spürbar auf die Katzenpopulation auswirke, heißt es bei der Stadt Münster. In den meisten Kommunen ist die Verordnung noch nicht so lange in Kraft.
In Köln scheiterte vor einigen Jahren nach Angaben der Stadt eine Evaluierung, weil mehrere Anfragen an die örtlichen Tierärzte erfolglos blieben. In Soest erklärte ein Stadtsprecher dem WDR, im Stadtgebiet gebe es derzeit kein großes Problem mit herrenlosen Katzen. In Düsseldorf wurde seit der Einführung der Kastrationspflicht beobachtet, dass sich weniger herrenlose Tier in den öffentlichen Anlagen und Flächen aufhalten.
In Schloss Holten-Stukenbrock, wo die Kastrationspflicht bereits im Jahr 1998 eingeführt wurde, fand ebenfalls keine Untersuchung statt. Laut einer Stadtsprecherin wird die Verordnung aber von den Katzenhaltern in aller Regel erfüllt. Nur drei bis vier Mal im Jahr müsse man Anhörungen an Bürger verschicken, deren Katzen offenbar nicht kastriert wurden.
Wo liegt das Problem, wenn Katzen nicht kastriert sind?
Im Vergleich zu anderen Fleischfressern sind Katzen sehr fruchtbar. Weibliche Tiere werden bereits im Alter von sechs Monaten geschlechtsreif. Ab diesem Zeitpunkt können sie bis zu drei Mal im Jahr Kätzchen zur Welt bringen. Bei jedem Wurf vermehrt sich die Population um jeweils vier bis sechs Tiere.
Rein rechnerisch könnten demnach ein einziges Muttertier und seine Nachkommen nach Angaben des Deutschen Tierschutzbunds innerhalb von zehn Jahren Millionen neue Katzen in die Welt setzen. Während bei Haustieren solche Fortpflanzungsraten gewöhnlich durch den Halter oder die Halterin unterbunden werden, vermehren sich Straßenkatzen unkontrolliert.
Dass die Tiere dennoch nicht zu einer Landplage geworden sind, liegt an den schlechten Lebensbedingungen der Straßenkatzen: Während ein gut versorgtes Haustier 20 Jahre und älter werden kann, liegt die geschätzte Lebensdauer von Straßenkatzen laut dem Allgemeinen Tierhilfsdienst nur bei höchstens fünf Jahren. Ein hoher Anteil der Kätzchen stirbt bereits kurz nach der Geburt, weitere Tiere fallen schon in den ersten Lebensjahren Krankheiten und dem Straßenverkehr zum Opfer.
Katzen gelten als besonders autonom - warum brauchen sie dennoch Hilfe?
Die romantische Vorstellung, dass Katzen unbeschwert durch die Natur streifen und die Gesellschaft des Menschen nur aus "Bequemlichkeit" suchen, ist falsch. Zwar sind sie nicht so stark auf den Menschen fixiert wie Hunde, aber dennoch handelt es sich um domestizierte, also durch gezielte Züchtung veränderte Tiere, die einen großen Teil ihrer Instinkte eingebüßt haben.
Sie finden in der Regel nicht genug Nahrung, um sich und ihren Nachwuchs zu ernähren - auch nicht in urbanen Räumen. Die ständige Unterernährung macht sie besonders laut Tierschutzbund anfällig für Krankheiten wie Parasitenbefall, Infektionen und entzündete Augen. Hinzu kommen Wunden, die sie sich bei Revierkämpfen mit Artgenossen häufig zuziehen.
Was bringt eine Kastrationspflicht bei Katzen?
Sie verhindert im Idealfall weiteres Tierleid: Ein einziger Kater kann oft Hunderte Nachkommen zeugen, denen ein elendes, kurzes Leben auf der Straße bevorsteht. Auch für die Natur ist eine kleinere Katzenpopulation positiv: Denn die Tiere jagen nicht nur Mäuse und Ratten, sondern auch Singvögel, deren Zahl durch das Insektensterben ohnehin schon stark zurückgegangen ist.
Anfällig für Krankheiten: Katzenbabys
Aber auch für die Haustiere selbst bringt eine Kastration klare Vorteile: Weibliche Katzen erkranken nach dem Eingriff zum Beispiel seltener an Krebs. Insbesondere sind sie nach Angaben des Zentrums für Kleintiermedizin in Lehrte weniger anfällig für gefährliche Gesäugetumore. Bei beiden Geschlechtern verringert sich Studien zufolge nach der Operation der Bewegungsradius, was das Risiko für Katzen im Straßenverkehr verringern kann. Außerdem werden sie nicht mehr so häufig in Revierkämpfe verwickelt, was das Risiko von schweren Infektionskrankheiten verringert.
Werden Straßenkatzen auch kastriert?
Ja, aber gewöhnlich nicht in einer groß angelegten Aktion. Wenn verletzte oder kranke Straßenkatzen von Bürgern ins Tierheim eingeliefert werden, findet im Rahmen der tierärztlichen Behandlung meist auch eine Kastration statt. Das Land übernimmt dabei einen Teil der Kosten. Anschließend werden die Straßenkatzen wieder freigelassen. Eine Vermittlung durch die Tierheime ist in den allermeisten Fällen nicht möglich: Wenn Kätzchen in den ersten Lebenswochen keinen Kontakt zu Menschen hatten, bleiben sie scheu und sind als Haustiere in der Regel nicht mehr vermittelbar.
Wie wird die Regel durchgesetzt?
Eine aktive Kontrolle ist schwierig und findet in der Regel nicht statt. Wer die Vorschrift ignoriert, kann aber dennoch auffallen: Zum Beispiel dann, wenn seine gechippte Katze wegläuft und von Angehörigen der Tierschutzvereine oder des Ordnungsamts eingefangen wird. Manchmal gehen bei den Behörden auch Hinweise von Nachbarn ein. In solchen Fällen droht dem Halter einer unkastrierten Katze eine Strafe von bis zu 1.000 Euro.
Was passiert bei einer Kastration?
In der Regel findet die Operation frühestens fünf Monate nach der Geburt statt. Bei weiblichen Katzen entfernt der Tierarzt unter Vollnarkose die Eierstöcke, bei Katern die Hoden. Nach der Kastration sind die Tiere meist innerhalb kürzester Zeit wieder fit.
Wie viel kostet eine Kastration bei einer Katze?
Die Kastration kann teuer werden
Die Kosten für eine Kastration liegen laut Bundestierärztekammer bei Katern etwa zwischen 80 und 160 Euro, bei weiblichen Katzen ist der Eingriff teurer: Hier werden 150 bis 300 Euro fällig. Wer sich die Operation nicht leisten kann, sollte sich an den örtlichen Tierschutzverein wenden. Einige von ihnen verfügen über einen spendenfinanzierten Fond, mit dem Tierhaltern in Not geholfen wird.
Unsere Quellen:
- Städte Hagen, Münster, Köln, Düsseldorf, Soest, Schloss Holten-Stukenbrock
- Industrieverband Heimtierbedarf
- Deutscher Tierschutzbund
- Landestierschutzverband NRW
- Zentrum für Kleintiermedizin
- Allgemeiner Tierhilfsdienst
- Key Scientific Studies on Trap Neuter Return
- Verein Tiere e.V.
- Bundestierärztekammer
Sendung: WDR.de, Kastrationspflicht in NRW gilt nicht für alle Katzen, 09.07.2026, 05:00 Uhr
