Schutzimpfungen, Blutdruckmessungen oder Beratung zur Selbstmedikation: Wer nicht schwer krank ist, kann sich den Gang zum Arzt sparen. Durch das Apothekenreformgesetz (ApoVWG) dürfen Apotheken seit etwa einem halben Jahr sogenannte pharmazeutische Dienstleistungen anbieten. Bezahlt wird das durch die Krankenkasse.
Das soll Ärzte entlasten und es für die Krankenkassen billiger machen. Das war das Ziel der Apothekenreform. Auf dem Deutschen Apothekentag, der seit Dienstag, 15. September, in München stattfindet, fordert der Berufsstand nun, die Stärkung der Apotheken weiter voranzutreiben.
Wirkt die Apothekenreform?
Aber hat die Apothekenreform das Ziel auch erreicht? Die Reform sei ein richtiger Schritt, meint Professor David Matusiewicz von der Hochschule für Ökonomie und Management in Essen.
Was genau dürfen die Apotheken denn jetzt, was sie vorher nicht durften?
David Matusiewicz: Die wichtigsten Neuerungen, insbesondere aus der Perspektive des Patienten, sind zum einen erweiterte Impfungen. Apotheken dürfen neben Grippe und Corona nun alle Totimpfstoffe verabreichen. Dazu können auch die pharmazeutisch-technischen Assistenten geschult werden. Das muss die Apotheke selbst tun. Das ist das Erste.
Das Zweite ist: Medikamente ohne Rezept. Also bei bekannter Dauermedikation oder bei akuten unkomplizierten Erkrankungen kann ich einfach meine Medikamente bekommen - ohne ein Rezept vom Arzt. Das ist auch neu. Sehr spannend finde ich auch die Entwicklung rund um Prävention - ein Angebot von Schnelltests, Blutentnahmen oder Beratung zum Beispiel zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, zu Volkskrankheiten wie Diabetes, wenn ich abnehmen will, oder zur Rauchentwöhnung.
David Matusiewicz
Bildquelle: DXMKönnen die Apotheken das generell leisten oder machen das nur Ausgewählte, die sich das leisten können?
Matusiewicz: Also die Motivation der Apotheke, etwas zu tun oder nicht, liegt tatsächlich bei der Apotheke selbst. Apotheken, die in Richtung Zukunft denken und die Rolle von sich selbst stärken wollen, werden das in Anspruch nehmen. Die werden das ausbauen und auch diese Angebote machen. Andere Apotheken, die auch so gut klarkommen, müssen das ja nicht tun. Aber ich glaube, für den Patienten ist es ein richtiger Schritt.
Kann man sich als Patient drauf verlassen, hier genauso gute Leistungen zu bekommen wie beim Arzt? Also, kontrolliert das irgendjemand?
Matusiewicz: Erst mal muss ich bedenken, in einer Apotheke ist kein Arzt. Ein Apotheker hat Pharmazie studiert, ein Arzt hat Medizin studiert. Das sind zwei unterschiedliche Professionen. Ich sehe das so: Medizin ist nur ein Teil von Gesundheit. Prävention, Langlebigkeit, die Gesundheit von morgen - es bedient eben auch die, die gesund bleiben wollen. Und hier sehe ich den Apotheker sozusagen an erster Stelle als Primärversorger.
Wie Apotheken an den neuen Leistungen verdienen
Ein Ziel war es ja auch, den Apotheken mehr oder weniger zusätzliches Einkommen zu verschaffen, um etwas gegen das sogenannte Apothekensterben zu tun. Ist das eine richtige Maßnahme?
Matusiewicz: Apothekensterben ist so ein Begriff, den die Apotheker gerne verwenden. Der ist aus meiner Sicht ein bisschen zu sehr dramatisiert, weil es eine lineare Entwicklung ist, die sich in einem konsolidierenden Markt widerspiegelt. Genau so ist es bei den Krankenkassen, bei den Krankenhäusern, bei den Ärzten. Überall werden Ressourcen gebündelt, es werden Standorte geschlossen. Das ist jetzt nichts Dramatisches.
Es ist richtig, dass ein Großteil der Vergütung der Apotheker über das Rezept läuft, also ungefähr 90 Prozent, und nur 10 Prozent über Arzneimittel, die ich ohne Rezept bekomme. Und dieser Anteil von den 10 Prozent kann in Zukunft erhöht werden. Sodass das Ausbleiben von weiteren großen Honorarreformen im rezeptpflichtigen Bereich dadurch kompensiert werden kann.
Ist das jetzt eine Entlastung für die Arztpraxen oder ist es tatsächlich etwas, was den ärztlichen Beruf entwertet und den Ärzten Einnahmeverluste beschert?
Matusiewicz: Der Arzt kritisiert zurecht: Wenn ich nur in die Apotheke gehe als Patient und später wieder zum Arzt, weiß ich als Arzt nicht, was dazwischen gelaufen ist. Und es werden vielleicht Doppelstrukturen aufgebaut. Das kann ich alles nachvollziehen. Aber ganz ehrlich geht es den Ärzten vor allem um die Angst, dass Honorare weniger werden. Wenn Aufgaben anderswohin verteilt werden, wird auch Geld anderswohin verteilt. Das ist der eigentliche Grund, um den es den Ärzten geht - natürlich neben dem wichtigen Patientenwohl.
Aber geht es den Ärzten denn wirklich so schlecht?
Matusiewicz: Wir haben bei den Ärzten natürlich auch Fachkräftemangel. Gerade bei Hausärzten, die sind überwiegend über 60 Jahre alt. Das heißt, wir haben hier auch Probleme. Das Problem der Ärzte ist ein anderes, die haben ein Budget pro Quartal. Dadurch, dass die Budgets gedeckelt sind und durch die neuen Gesundheitsreformen im ärztlichen Bereich, ist es ohnehin so, dass viele Ärzte keine neuen Patienten mehr aufnehmen werden, weil die sagen: "Ich bin jetzt schon über Budget."
So soll die Reform Krankenkassen und Kliniken entlasten
Die Reform sollte ja eigentlich auch die Krankenkassen entlasten. Haben Sie den Eindruck, dass sie das leisten kann?
Matusiewicz: Ich glaub, dass die Reform den richtigen Schritt geht. Am teuersten ist das Krankenhaus wegen des 24-Stunden-Betriebs, Räumlichkeiten und so weiter. Das Zweitteuerste sind Ärzte, Zahnärzte, die Apothekenberatung und die Medikation. Viele Patienten landen oft direkt in der Notaufnahme und das ist natürlich am teuersten.
Die Apotheke ist einer der wenigen Orte im Gesundheitswesen, wo ich einen Akademiker treffe ohne Termin. Da kann die Apotheke vielleicht eine sogenannte zweitbeste Lösung sein, eine "Second-Best-Lösung". Aber ich bekomme sofort Hilfe. So, dass beim Arzt nur die aufschlagen, die da wirklich hingehören.
Das Interview wurde geführt von Linda Staude. Für die Online-Version wurde das Gespräch gekürzt und sprachlich bearbeitet.
Unsere Quellen:
- WDR-Interview mit Professor David Matusiewicz von der Hochschule für Ökonomie und Management in Essen.
Sendung: WDR5, Wirtschaftsmagazin, 15.09.2026, 13:34 Uhr.