Die Retter vom Venn
Bildquelle: Alexander FranzAktuelle Stunde . 21.08.2026. 33:09 Min.. UT. Verfügbar bis 21.08.2028. WDR. Von Claudia Beucker.
Acht Tage Feuer : Brände in Hürtgenwald und im Hohen Venn - Die Chronik
Stand:
Am Donnerstag, dem 13.08. brechen im Hürtgenwald zwei Feuer aus. Abends scheint es noch, als bekomme die Feuerwehr alles unter Kontrolle, um 4 Uhr nachts werden die Anwohner dann von der NINA-Warnapp geweckt. Der Ortsteil Gey wird evakuiert. Die kommenden Tage sind für die Feuerwehren der Region die wahrscheinlich intensivsten seit langem. Die ganze Chronik.
Freitag, 14.08.: Die erste Evakuierung
Die rund 2.000 Einwohner von Gey müssen mitten in der Nacht ihre Häuser verlassen. Sie sollen nur die wichtigsten persönlichen Gegenstände, Ausweisdokumente und Medikamente mitnehmen, viele müssen Haus- und Hoftiere zurücklassen. In der Grundschule Straß wird eine erste Anlaufstelle errichtet.
Räumpanzer der Bundeswehr stehen zum Einsatz beim Brand am Hürtgenwald.
Bildquelle: Thomas Banneyer/dpaBesonders schwierig in der ersten Phase: Über Nacht können keine Löschhubschrauber eingesetzt werden. Dabei sind sie besonders wichtig, um die noch brennenden Baumkronen abzulöschen. Und das hat Folgen: Um 6 Uhr morgens meldet die NINA-App extreme Gefahr, 25 Hektar Wald stehen in Flammen. Im Anschluss stellt die Bundeswehr Bergepanzer zur Verfügung, um Wege freizuräumen. Landwirte aus der ganzen Umgebung helfen, Löschwasser in den Wald zu bringen. Um 8 Uhr kommen die Hubschrauber - und so langsam die ersten Gaffer.
Das Feuer breitet sich rasant aus, der Wind weht mit 30 km/h. Inzwischen spricht der Dürener Landrat Ralf Nolten von 300 Hektar, die brennen. Um 08:45 Uhr ist ganz Gey evakuiert. Während der Löscharbeiten zeigt siche eine ganz andere Gefahr: im ganzen Wald ist immer noch alte Weltkriegsmunition verteilt. In der Nacht hat es bereits Explosionen gegeben. Die Gefahr: Auf der einen Seite könnte die Hitze die Munition auslösen, auf der anderen Seite könnten Einsatzkräfte auf alte Mienen treten.
Hinter der Ortschaft Birgel brennt der Wald.
Bildquelle: IMAGO/ManngoldDie Notunterkunft wird um 9:45 Uhr nach Düren verlegt, weil es im Ortsteil Straß Asche regnet. Zu gefährlich für die Menschen dort. Den Tag über breiten sich Rauch und Brandgeruch durch den weiter vorherrschenden Westwind bis ins Ruhrgebiet aus, in Bonn und Essen riecht es nach Feuer, in Bochum gibt die NINA-App eine Warnung zur Geruchsbelästigung aus, und auch die Dürener sollen ihre Fenster und Türen geschlossen halten.
Rauch verdunkelt den Himmel wegen des Waldbrands im Hürtgenwald.
Bildquelle: Thomas Banneyer/dpaFür die Einsatzkräfte läuft derweil ein Einsatz ungeahnten Ausmaßes. Verstärkung kommt aus Köln und anderen NRW-Städten, die Feuerwehr spricht von einem "Red Flag Day". Aus 200 Einsatzkräften werden schnell 350, später dann über 600. Um 17:00 Uhr ist klar, dass es sich um den größten Waldbrand der Geschichte NRWs handelt und, dass die Löscharbeiten Tage dauern werden - mindestens bis Montag. Kurz nach halb neun abends ist das Feuer noch 100 Meter von Gey entfernt. Anwohner können aus der Entfernung den Rauch aufsteigen sehen, wann sie in ihre Häuser zurück können, ist völlig unklar.
Fast unauffällig ploppt eine andere Meldung auf: Auch im Hohen Venn, auf der belgischen Seite der Grenze, brennt es. Stand 14:30 Uhr brennt dort ein Hektar Naturschutzgebiet.
Samstag, 15.08.: Aus einem Feuer werden zwei
Aus der unauffälligen Meldung im Hohen Venn sind über Nacht 100 Hektar brennendes Hochmoor geworden. In Teilen Monschaus ist in der Nacht über Belgien ein hellorangener Himmel sichtbar und auch die Rauchschwaden sind aus immer weiterer Entfernung zu sehen. Die belgische Feuerwehr bekommt Unterstützung von 41 deutschen Feuerwehrleuten.
In Hürtgenwald rückt derweil unter anderem Verstärkung aus Düsseldorf an. Insgesamt sind jetzt 1.400 Leute verschiedener Gewerke vor Ort, aus dem Rathaus wird die Tier-Evakuierung koordiniert. "13 Schafe waren gestern eine Herausforderung, heute kümmern wir uns um die Abholung von Hühnern," sagt Michael Graß vom Orga-Team.
Im Laufe des Tages gestern haben sich mehrere Politiker geäußert, um 9:45 Uhr trifft NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) vor Ort in Hürtgenwald ein, bedankt sich erst einmal bei den Helfern. Ein Großteil der Einsatzkräfte sind Ehrenamtler, vor allem bei der Freiwilligen Feuerwehr.
Hunderte Einsatzkräfte sind am Einsatzort zum löschen
Bildquelle: Purvi PatelAußerdem sind etwa 300 Landwirte unterwegs, versorgen durchgehend die Löschfahrzeuge der Feuerwehr mit großen Mengen Wasser. Hydranten sind am Waldrand Mangelware. Ganz anders als Dankesbotschaften. Die sind an Wände gesprüht oder hängen auf Plakaten am Straßenrand. Der Brand hat sich inzwischen in Richtung Großhau ausgeweitet. Am Nachmittag sind 1.800 Menschen im Einsatz.
Im Hohen Venn brennen erst 900 Hektar, um 14:30 Uhr sind es dann 1.600. Umgerechnet eine Fläche mit einer Länge und Breite von je vier Kilometern. Der Rauch ist kilometerweit zu sehen, in Simmerath herrscht Weltuntergangsstimmung. Inzwischen ist auch klar, dass die Torfschicht im Hochmoor brennt - und das bedeutet, dass die Feuer unterirdisch brennen, die Löscharbeiten können Wochen dauern. Um 16:44 Uhr werden erste Straßenzüge in Belgien evakuiert, Touristen sollen das Gebiet verlassen. Die Gemeinde Monschau bittet Bewohner in der Grenzregion, Räumungen vorzubereiten. Die Betreiber des Vennhofes planen, wie sie im Notfall 200 Rinder so schnell wie möglich bewegt bekommen - und wohin.
Weiter östlich, im Kreis Düren gibt es derweil am Abend eine erste gute Nachricht: Die rund 2.000 Einwohner, deren Stadtteil Hürtgenwald-Gey evakuiert wurde, dürfen zurückkehren.
Fotogalerie: Die Löscharbeiten im Hürtgenwald
Von Purvi PatelFotos von den Löscharbeiten im Hürtgenwald im Kreis Düren am Samstag.
Sonntag, 16.08.: Wann kommt der Regen?
Der Brand im Hohen Venn ist sehr weit sichtbar, auch über Nacht
Bildquelle: WDR / Daniela MertensIn der Nacht bekommen Anwohner von Monschau-Kalterherberg die Empfehlung, sich auf eine Evakuierung vorzubereiten. Die Feuerfront ist inzwischen drei Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Durch den starken Wind ist die jetzt einen Kilometer breit. Und es wird klar: 3.000 Hektar sind verbrannt. Zehn Mal so viel wie in Hürtgenwald. Nach wie vor ist kein Regen in Sicht.
In Hürtgenwald wird gewarnt, dass noch lange nicht alles geschafft ist. Aber: es werden immerhin weniger Einsatzkräfte benötigt, inzwischen sind noch gut 1.000 vor Ort. Vor allem Fußtrupps der Feuerwehren löschen von Wegesrändern aus und können auch durch die freigelegten Schneisen in den Wald gehen. Aber auch in der Nacht explodierte immer wieder Weltkriegsmunition.
Der Brand im Hohen Venn hinterlässt Verwüstung.
Bildquelle: WDRKurz vor 11 Uhr besteht laut Feuerwehr keine Gefahr mehr für die Monschauer Gemeinden an der belgischen Grenze. Trotzdem kommt das Feuer immer näher, um 13:00 Uhr ist es 1,5 Kilometer von der Grenze und 1,8 Kilometer von der nächsten Bebauung entfernt. Die belgische Regierung hat den Katastrophenschutz der EU aktiviert und bekommt internationale Unterstützung, Löschflugzeuge und -hubschrauber aus Schweden, Niederlanden, Tschechien.
Auf der belgischen Seite sind rund 600 Menschen evakuiert. Die Monschauer Feuerwehr ist vor allem wegen ihrer ausführlichen Vorbereitung so entspannt: "Wir haben gestern schon vier Kilometer Schlauchleitung vorbereitet, damit wir sogar in die entferntesten Ecken gelangen," sagt Philipp Krüger, Leiter der Freiwilligen Feuerwehr Monschau am Sonntag. Die Löscharbeiten im Hochmoor bereiten einige Schwierigkeiten. Eine davon: Das Gelände ist nur schwer begehbar. Die Feuerwehr kann nur die befestigten Bereiche begehen, setzt vor allem auf Löscharbeiten aus der Luft. Durch die Glutnester, die mehrere Meter unter der Erde stecken, entstehen immer neue Brandherde, wie aus dem nichts, auch an Stellen, die die Feuerwehr eigentlich schon gelöscht hatte. Auch hier machen sich die ersten Gaffer bemerkbar.
Ortswechsel. Um 16:00 Uhr kommt endlich die offizielle Entwarnung für Hürtgenwald. Der Brand ist unter Kontrolle, aber noch nicht gelöscht, abends sind noch immer Hubschrauber unterwegs, aber nur zur Kontrolle. Gelöscht wird vom Boden aus, von Einsatzkräften, die oft selbst am Ende ihrer Kräfte sind - oder kurz davor.
Montag, 17.08.: Das Feuer rückt näher
An der belgischen Grenze werden in der Nacht schließlich doch Straßenzüge in Kalterherberg evakuiert. Die meisten Anwohner kommen bei Freunden und Verwandten unter. Das Feuer ist inzwischen wenige hundert Meter von den Häusern entfernt. Als Vorbereitung hat die Feuerwehr die umliegenden Wiesen gewässert und Wassertanks aufgestellt - und es hilft. Diese "Riegelstellung", wie sie Fachleute nennen, schützt den Ort.
Luftaufnahmen zeigen die Ausmaße des Brandes im Hohen Venn.
Bildquelle: dpa / Christoph ReichweinIn Hürtgenwald ist am frühen Morgen die Bundeswehr inzwischen abgerückt. Jetzt fliegen keine Helikopter mehr und neue Brandnester, die entstehen, sind nur klein und unter Kontrolle. Flo Schwarz, der die Koordination zwischen Feuerwehr und Landwirten hier übernommen hat, ist völlig fertig. "Die letzten Tage habe ich vielleicht fünf Stunden geschlafen," sagt er. "Die Anfangszeit war ziemlich chaotisch, seitdem läuft es deutlich besser ab." Der Schaden in Hürtgenwald dürfte inzwischen in die Millionenbeträge gehen.
Zurück im Westen: Um 07:00 Uhr kommt endlich ein wenig Regen. Die Löscharbeiten im Venn werden ausgeweitet und ein weiteres Problem, das in den nächsten Tagen immer deutlicher wird: die Schadstoffbelastung. An die Helfer werden Masken verteilt, aber Kohlenmonoxid und Feinstaub bleiben eine große Sorge. Außerdem sogenannte Brandschächte, die bestehen bleiben - und in die in Zukunft Wanderer einbrechen könnten. Ökologisch handelt es sich um einen Totalschaden. Um 16:00 Uhr macht sich der belgische König Phillip ein Bild vor Ort. Allerdings: um 21:00 Uhr können die ersten Einwohner im belgischen Sourbrodt in ihre Häuser zurück.
Dienstag, 18.08. und Mittwoch, 19.08.: Der Regen kommt
Statt dem befürchteten Wind kommt mehr Regen in Kalterherberg. Er drückt den Qualm etwas, die Luft wird etwas klarer. Gleichzeitig setzt er neue Gase aus dem Moor frei.
Naturschutz-Verbände haben sich inzwischen gemeldet, appellieren, dass ein gesundes Moor nicht so einfach brennt - und, dass es sich dabei nicht nur um ein Thema des Klimaschutzes handelt. "Intakte, nasse Moore sind wichtige natürliche Wasserspeicher und können zugleich dazu beitragen, die Landschaft in Trockenperioden widerstandsfähiger gegen Feuer zu machen", so der NABU.
Teile des Hohen Venns ähneln einer Kraterlandschaft.
Bildquelle: dpa/ Marius BurgelmanInzwischen sind 500 belgische Einsatzkräfte vor Ort, 60 weitere aus Deutschland, während auch in deutschen Teilen der Eifel vor Brandgasen, Geruchsbelästigung und Schadstoffen gewarnt wird. Die Geruchsbelästigung geht wieder bis nach Wuppertal und Solingen. "Das hält man nicht aus, wenn man den Rauch auch drinnen den ganzen Tag riecht," sagt eine Monschauerin. Die Anwohner sind dazu angehalten, ihre Fenster und Türen geschlossen zu halten.
In Monschau kümmern sich 170 Einsatzkräfte um die Lage auf der deutschen Seite der Grenze. Die Häuser der 30 Bewohner sind nach wie vor menschenleer. Im ganzen Grenzgebiet sind aber, ähnlich wie in Hürtgenwald, Dankesbotschaften verteilt - nur auf drei Sprachen statt auf einer.
Am Mittwochmorgen kommt Entwarnung zu den Schadstoffwerten. Es wurden keine Grenzwerte überschritten. Trotzdem, Brandgeruch sei nie gesund, heißt es in der Städteregion. Für den Abend ist kräftiger Regen erwartet. Die Feuerwehrleute haben den Brand inzwischen eingekesselt und in Kalterherberg und weiteren belgischen Dörfern ist die Evakuierung aufgehoben.
Ein großer Dank gilt allen ehrenamtlichen Helfern.
Bildquelle: WDRNach wie vor riecht es aber überall nach dem Brand. Wegen den unterirdischen Bränden sind die Wurzelwerke der Bäume stark beschädigt, die Bäume können jederzeit umkrachen. Die Feuerwehr entwurzelt viele und pumpt dort Wasser in den Boden, aber die Sicht ist extrem schlecht. In der Nacht kommt endlich der Regen - der Wind aber auch. Und nachdem der Boden vorher knochentrocken war, reicht das Wasser nicht tief genug, um gegen den brennenden Torf zu helfen. Stattdessen bleibt gegen 23 Uhr ein Feuerwehrfahrzeug im Matsch stecken.
Donnerstag, 20.08.: Die Entspannung
Deutsche Einsatzkräfte planen inzwischen den Rückzug aus Belgien, die Feuerwehr in Kalterherberg startet ihre Aufräumarbeiten. Die Menschen konnten über Nacht in ihre Häuser zurückkehren. Die Wassertankstellen für die Hubschrauber bleiben aber fürs erste bestehen.
Fotos der Waldbrände im Hürtgenwald und Hohen Venn
Fotos von den Waldbränden im Hürtgenwald im Kreis Düren und im Hohen Venn in Belgien. Hunderte Hektar sind betroffen. Die Feuerwehr kämpft gegen die Flammen.
Am Nachmittag kommt die Nachricht, dass das Feuer im Osten unter Kontrolle sei, im Westen, Richtung deutsche Grenze, aber noch nicht stabil sei. Allerdings bestehe keine Gefahr mehr, dass das Feuer überschlage. 350 Menschen und sieben Löschflugzeuge und -hubschrauber sind noch vor Ort. Eine gute Nachricht kommt auch zwischendurch: bei ihrem Einsatz im Hohen Venn haben die Feuerwehrleute ein seltenes Birkenhuhn gerettet. Es ist inzwischen in einer Auffangstation untergekommen.
Komplett-Entwarnung aus dem Kreis Düren: Kurz vor 19 Uhr ist der Brand in Hürtgenwald endgültig gelöscht. Ebenso ist um 18:15 Uhr der Einsatz der Feuerwehr in Monschau-Kalterherberg beendet. Die Kräfte der belgischen Feuerwehren wird der Brand aber noch Tage, vielleicht sogar Wochen beschäftigen.
Unsere Quellen:
- Eindrücke der WDR-Reporterinnen und -Reporter in den Regionen
- WDR-Gespräche mit Einsatzleitern
- Kreis Düren
- Gemeinde Hürtgenwald
- Stadt Monschau
- Städteregion Aachen
Sendung: WDR.de, Waldbrände betreffen uns inzwischen unmittelbar, 21.08.2026, 15:34 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 21.08.2026, 18:45 Uhr
