Sand in Bonn, Sand in Köln, Sand in Düsseldorf: Der Rhein in NRW wird immer schmaler. Dort, wo sonst starke Strömungen fließen, können Menschen teilweise tief ins Flussbett hineinspazieren. Und das anhaltende Niedrigwasser, verursacht durch die historische Trockenheit in diesem Sommer, macht vielerorts kuriose Funde und vergessene Artefakte auf dem Grund der bundesweit wichtigsten Wasserstraße sichtbar.
Seit Wochen gibt der Rhein ein trauriges, ja beängstigendes Bild ab. Die Pegelstände sinken und sinken. In Düsseldorf beispielsweise soll der Messwert Prognosen zufolge am Montag erneut auf 13 Zentimeter sinken. Zum Vergleich: Der niedrigste Düsseldorfer Pegel vor der aktuellen Dürre war 23 Zentimeter, gemessen im Oktober 2018.
Eine Besserung zeichnet sich nicht ab, denn auch die kommenden Tage in Nordrhein-Westfalen bleiben weitgehend trocken. Schauer sind laut der WDR-Wetterredaktion nur vereinzelt möglich, auch bis Mitte der neuen Woche bleibt es unverändert.
Wäre es bei der anhaltenden Dürre sogar möglich, dass der Rhein bald "verdurstet"? Wie schaut es bei den Zuflüssen aus, die den Rhein normalerweise mit Wasser versorgen? Und was braucht es, damit sich die kritischen Pegelstände, die auch die NRW-Wirtschaft und Binnenschifffahrt so stark belasten, wieder entspannen? Fragen und Antworten.
Kann der Rhein wirklich austrocknen?
Nein, der Rhein kann nicht austrocknen. Das sagt Andreas Wagner, Meteorologe beim ARD-Wetterkompetenzzentrum. "Man muss immer bedenken, dass selbst jetzt bei den Rekordtiefstständen die Wassertiefe in der Schifffahrtsrinne noch mindestens 170 cm beträgt." Und durch das Flussbett fließen immer noch hunderte Kubikmeter Wasser, in Köln zum Beispiel 600 pro Sekunde.
Zur Erklärung: Der Pegelstand zeigt nur an, wie hoch das Wasser über einem festgelegten Messpunkt liegt, dem sogenannten Pegelnullpunkt. Die Wassertiefe hingegen misst den Abstand von der Wasseroberfläche bis zum tatsächlichen Grund, der Flusssohle.
Wie unwahrscheinlich das Szenario ist, dass der Rhein bald "verdursten" könnte, erklärt Wagner eindrücklich:
"Damit der Rhein austrocknet, müsste es schätzungsweise zwei Jahre lang im gesamten Rheineinzugsgebiet komplett trocken bleiben - und dies ist nicht möglich." Andreas Wagner, ARD-Wetterkompetenzzentrum
Unter dem Einzugsgebiet versteht man alle Neben- und Zuflüsse des Rheins. In Zahlen sind das 185.000 km². Der Rhein schlängelt sich rund 1.230 km von der Schweiz bis in die Niederlande, 857 km davon durch Deutschland. 226 km des Flussverlaufs liegen innerhalb von NRW.
Was aber passieren könnte, ist laut Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB) eine "Zweiteilung" des Rheins. "Wegen ausbleibender Niederschläge wird im Laufe der Woche an dem für Schifffahrt und Wirtschaft wichtigen Pegel Kaub erstmals ein nur noch einstelliger Wert prognostiziert", sagte BDB-Geschäftsführer Jens Schwanen der "Rheinischen Post". Im Prinzip wäre der Rhein dann "nicht mehr durchgängig befahrbar und damit zweigeteilt".
Wie ist die Lage bei den Alpen-Quellflüssen, die den Rhein speisen?
Damit der Rhein bei uns ausgiebig Wasser führt, dafür sind die Quellflüsse aus den Alpen unverzichtbar. Doch auch in der Schweiz herrscht aktuell extreme Trockenheit.
Die Hauptflüsse wie die Aare und der Alpenrhein haben für die Jahreszeit rekordverdächtig niedrige Wasserstände, sagt ARD-Meteorologe Wagner. Neben der niederschlagsarmen und sonnig-heißen Witterung mit sehr hohen Verdunstungsraten sei eine der Ursachen der vergangene Winter. "Üblicherweise füllen sich die Schweizer Seen und der Bodensee durch starke Schneeschmelze im Frühjahr und Sommer. Doch der Winter war schneearm, der Frühsommer sehr heiß. So blieb die große Schneeschmelze aus."
Die ausgebliebene Schneeschmelze macht sich auch im Rhein bei Bonn bemerkbar.
Bildquelle: Benjamin Westhoff/dpaEin erschreckendes Beispiel ist der von Wagner angesprochene Bodensee: Dessen Pegel liegt aktuell rund einen Meter unter den für diese Jahreszeit üblichen Messwerten. Dadurch kann er deutlich weniger Wasser in den Rhein abgeben als sonst.
Wie ist die Lage bei den Nebenflüssen, die den Rhein versorgen?
Auch Bayern, Baden-Württemberg und Frankreich sind von extremer Trockenheit betroffen. Deswegen führen die Nebenflüsse sehr wenig Wasser zum Rhein - sei es Mosel, Neckar oder Main.
Eine weitere gravierende Folge: Die Böden im Einzugsgebiet des Rheins sind tiefgründig trocken. "Regengüsse und Gewitter können das Niederschlagsdefizit inklusive der starken Verdunstung durch Sonnenschein und Hitze nicht ausgleichen. Allein eine ausgewachsene Buche verdunstet an einem einzigen sonnig-heißen Sommertag 300 bis 500 Liter Wasser", sagt ARD-Meteorologe Wagner.
Pfützen statt reißender Strom: So sieht der Rhein in Düsseldorf aus.
Bildquelle: IMAGO/Jochen TackWas braucht es, damit die Pegelstände des Rheins steigen?
Damit das Niedrigwasser endet und die Pegelstände des Rheins wieder auf das Mittelwasserniveau ansteigen, müsste es bis zum kommenden Frühjahr 500 bis 700 Liter Regen pro Quadratmeter auf großer Fläche geben, schätzt Wagner. Nur so könnten die Böden tiefgründig durchnässt werden und die Grundwasserpegel wieder auf Normalmaß ansteigen. Das würde bedeuten, dass von September bis März in jedem Monat das Regensoll erreicht werden müsste.
"Diese Wetterlagen sind aber derzeit nicht in Aussicht. Ich befürchte, dass wir das Regendefizit bis weit ins nächste Jahr mitschleppen." Andreas Wagner, ARD-Wetterkompetenzzentrum
Das Ende der Fahnenstange beim Niedrigwasser, so Wagner, sei noch nicht in Sichtweite. Ihm zufolge dürften bis mindestens Mitte August die Pegelstände des Rheins weiter absinken - in bis dato nie für möglich gehaltene Tiefststände. Üblicherweise erreicht der Rhein seine tiefsten Werte erst im Spätsommer und Herbst. "Es dürfte einem Angst und Bange werden bei dem Gedanken, wenn sich nahtlos ein trocken-warmer Herbst einstellen würde", sagt Wagner.
Unsere Quellen:
- WDR-Wetterredaktion
- Andreas Wagner, Meteorologe des ARD-Wetterkompetenzzentrums
- Online-Artikel "Flussgebiet Rhein" des NRW-Umweltministeriums
- Online-Artikel der Flussgebietsgemeinschaft Rhein
- Online-Artikel der Internationalen Arbeitsgemeinschaft der Wasserwerke im Rheineinzugsgebiet
- Bisherige WDR-Berichterstattung zu Niedrigwasser und Rhein-Pegelstände
Sendung: WDR 5, Nachrichten, 08.08.2026, 13:00 Uhr
