Prozessbeginn: Wittener Familienvater soll seinen Sohn erstochen haben | WDR aktuell
Bildquelle: WDR / Dirk PlanertWDR. 29 Sek.. Verfügbar bis 16.09.2028.
Es soll eine ganz normale, sogar eine harmonische Ehe, gewesen sein. Dieses Bild zeichnen heute die Aussagen der Ehefrau des mutmaßlichen Täters und ihrer Freundinnen.
"Ich dachte, wir sind das glücklichste Paar der Welt, weil ich meine Jugendliebe heiraten konnte." Die Noch-Ehefrau des Angeklagten
Bis auf ein paar normale Ehestreits soll die Beziehung friedlich gewesen sein. "Er war ein liebevoller Vater," sagt eine Freundin der Frau - und die Ehefrau nickt. Dabei wäre sie selbst fast Opfer ihres Mannes geworden.
Die Staatsanwaltschaft wirft dem Familienvater unter anderem Mord und zweifachen versuchten Mord an seinem Sohn, seiner Frau und seiner Tochter vor. Der 40-Jährige soll Ende März im Auto auf seine Familie eingestochen und dabei seinen Sohn getötet haben.
Vater greift Familie an: War ein Streit der Auslöser?
Auslöser war dem Gericht zufolge ein Familienstreit auf dem Weg in den Osterurlaub. Das Ehepaar habe bei der Abfahrt diskutiert, wer von ihnen die Fährtickets einpacken sollte. Die Frau und die Kinder seien dann schon rausgegangen und ins Auto gestiegen, der Mann habe die Tickets ausdrucken wollen.
Stattdessen habe er sich aber mit einem Tuch vermummt und mit einem Küchenmesser bewaffnet. Laut Anklage stach er anschließend auf seine damals 38-jährige Frau ein. Insgesamt 18 Messerstiche und -schnitte wurden später bei ihr festgestellt. Danach soll er auf den 13-jährigen Sohn auf der Rückbank losgegangen sein, der bis dahin nichts bemerkt hatte.
Schließlich soll er auch die neunjährige Tochter attackiert haben, die zwischenzeitlich ins Haus geflüchtet war. Der Junge starb noch am Tatort, Mutter und Tochter wurden schwer verletzt. Die Staatsanwaltschaft sieht eine heimtückische Tat und damit die Merkmale für Mord.
Gericht in Bochum geht von mehreren Motiven aus
Laut Gericht geht die Staatsanwaltschaft von mehreren Motiven aus. Der Datenanalyst habe das Gefühl gehabt, häufig von seiner Frau, die als Hebamme arbeitet, schlecht behandelt zu werden. Er habe seine Frau bestrafen wollen, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft.
Außerdem habe der Wittener Geldprobleme und soll seine Familie als finanzielle Belastung wahrgenommen haben. Davon habe er sich mit der Tat befreien wollen.
Vor Gericht erschien er in einem grünen Swatshirt und verdeckte sein Gesicht vor den Kameras mit einer Mappe. Während der Aussagen der Zeuginnen zeigte er keine Regung. Mit starrem Blick schaute er zum Richter. Bevor seine Frau aussagte, wurde er aus dem Gerichtssaal geführt. Die Konfrontation sollte ihr erspart werden.
Sie sagte aus, dass sie erstmal nicht hatte glauben können, wer der mutmaßliche Täter ist. Beim Aufwachen im Krankenhaus sei sie noch davon ausgegangen, dass unbekannte Räuber hinter der Tat stecken. "Ihr Gehirn hat nicht akzeptiert, dass es ihr Mann war," sagt eine Freundin der Frau.
Nach Messerangriff: Große Anteilnahme über Witten hinaus
In Witten hatte der Messerangriff tiefe Betroffenheit ausgelöst. Nachbarn und Freunde stellten in der Nähe des Tatorts Blumen und Kerzen auf. Vier Tage nach der Tat kamen rund 80 Menschen in der Johanniskirche in Witten zusammen, um gemeinsam zu trauern. Die Kirchengemeinden in Witten hatten die Gedenkveranstaltung organisiert. Auch Polizisten und Notfallseelsorger nahmen teil. An der Schule des getöteten Jungen in Bochum gab es eine große Trauerfeier.
Der Fall löste aber auch weit über Witten hinaus große Anteilnahme aus. Eine Spendenkampagne für die Mutter und die Tochter brachte in den ersten neun Tagen fast 200.000 Euro ein. Ziel sei es, die Mutter zu unterstützen, damit sie "sich von ihren körperlichen und auch seelischen Verletzungen erholen kann und ihrer kleinen Tochter alle Zeit ermöglichen kann, die sie braucht, um das Unbegreifliche zu verarbeiten", heißt es im Text zur Spendenkampagne. Insgesamt spendeten knapp 9.000 Menschen Geld.
Tatverdächtiger Vater schweigt bislang zu Vorwürfen
Katja Nagel, Pressesprecherin des Landgerichts Bochum.
Bildquelle: WDR / Dirk PlanertDer Tatverdächtige schweigt bislang zu den Vorwürfen. Er sitzt seit Ende März in Untersuchungshaft. Sein psychischer Zustand werde im Prozess ebenfalls geprüft, sagt Katja Nagel von Landgericht Bochum. Bei einer Verurteilung droht dem Angeklagten lebenslange Haft. Die Frau hat sich mittlerweile von ihm scheiden lassen, die Scheidung ist aber noch nichts rechtskräftig.
Anfang November soll das Urteil im Prozess fallen. Bis dahin sind noch zehn Verhandlungstage angesetzt.
Unsere Quellen:
- WDR-Gespräch mit Katja Nagel vom Landgericht Bochum
- Beobachtungen und Gespräche des WDR-Reporters vor Ort
- Aufruf zur Gedenkveranstaltung
- Nachrichtenagentur dpa
- Spendenplattform Goodcrowd
Sendung: WDR 2, WDR 2 für das Ruhrgebiet, 16.09.2026, 13.30 Uhr
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