Fünf Tage hat es gedauert, bis sich NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) zur Extremhitezwelle öffentlich geäußert hat. Erst am Freitag bekundete er auf einer Pressekonferenz seine Betroffenheit angesichts der Badetoten, "meist junge Männer". Durch die hohen Temperaturen seien "gerade ältere Menschen gestorben", so Wüst und macht damit die Extremhitze zu einem Problem von mutmaßlich Übermütigen und Älteren. Aber die Feuerwehr Köln schrieb: "Und nein, auch Menschen ohne Vorerkrankungen, fit und mitten im Leben, befanden sich mit 42 Grad Körpertemperatur in Lebensgefahr." Die "vulnerable Gruppe" umfasst in NRW 18 Millionen Menschen. Die eskalierende Klimakatastrophe bedroht uns alle.
Rettungsdienste waren am Limit. Auf dem Höhepunkt der Extremhitzewelle mit traurigen Rekorden berichtet die Feuerwehr Köln auf Facebook, dass sie in den letzten 24 Stunden sieben Menschen bewusstlos in ihren Wohnungen aufgefunden habe, meist im Dachgeschoss. Nach zehn Tagen ohne Erholung sei der Körper am Limit. Dann der dringende Appell: "Nehmt. Das. Bitte. Ernst."
Für viele kam jede Hilfe zu spät. Die Bestatter waren am Limit. In Köln und Leverkusen kam es laut NRW-Gesundheitsministerium zu Engpässen beim Abtransport von Verstorbenen, die Uniklinik in Düsseldorf half aus und nahm vorübergehend Tote auf.
NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) konnte auf Nachfrage am Mittwoch im Gesundheitsausschuss des Landtags keine Opferzahlen nennen. Zurzeit ahnen wir nur, wie schlimm es sein könnte: Allein in Köln starben zum Höhepunkt der Hitzewelle an zwei Tagen 120 Menschen, eine Vervierfachung im Vergleich zu einem normalen Wochenende. Der Leiter der Notfallmedizin im Klinikum Leverkusen, Christoph Adler, sagte uns: "So viele tote Menschen im Rahmen eines hitzebedingten Wochenendes hat noch niemand hier erlebt." Er schätzt, so war es überall in NRW.
In der jüngsten Extremhitze sind die Opfer einen stillen Tod gestorben. Keine öffentlichen Schweigeminuten oder Beileidsbekundungen, kein Ministerpräsident, keine stellvertretende Ministerpräsidentin, kein Gesundheitsminister riefen eilig zu einer Pressekonferenz. Stattdessen postete Hendrik Wüst (CDU) auf dem Höhepunkt der Hitze-Krise ein Instagram-Video zum Jahrestag seiner Vereidigung am 28.06.2022: "Vier Jahre Ministerpräsident. Wie beschreibt man diesen Zeitraum am besten?"
Seine Antwort sind flott aneinandergeschnittene Bilder: Wüst bei der Vereidigung im Landtag, mit dem niederländischen König, mit Udo Lindenberg, mit Lukas Podolski. An diesem Tag: Kein Wort, kein Bild zur aktuellen Krise im Land. Kein Dank an die Pflege- und Rettungskräfte, an die Notärztinnen, die, ähnlich wie in der Corona-Pandemie, Überragendes leisteten, um das noch Schlimmere zu verhindern. Auch fünf Tage später hören wir das nicht von ihm. Warum hat er sich während der Extremhitze nicht geäußert, wollen wir auf der Pressekonferenz von ihm wissen. Keine Antwort. Nur das Bekenntnis: "Also ich nehme es sehr ernst und wir nehmen es sehr ernst." Wirklich?
Wie beschreibt man vier Jahre Ministerpräsident Wüst am besten? Wohl eher so: Wegducken bei schwierigen Themen und auftauchen mit inszenierten Bildern zu Feelgood-Themen. Ist ein Thema damit nicht ausgesessen, wartet er erstaunlich lange, bis er sich äußert. Auf der Pressekonferenz kündigte er nicht näher benannte Konsequenzen aus der Hitzewelle an und schloss gleichzeitig nichts aus. Das ist maximal vage und lässt ihm den größten Handlungsspielraum. Aber das hilft in der Not nicht weiter. Die Zeit drängt, der Hochsommer, die nächsten bedrohlichen Hitzewellen stehen vor der Tür.
Hätte Wüst bei seinem Insta-Video zum Vereidigungsjubiläum nicht die Tonspur durch Musik ersetzt, hätten wir diesen Amtseid hören können: "Ich schwöre, dass ich meine ganze Kraft dem Wohle des Landes Nordrhein-Westfalen widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das mir übertragene Amt nach bestem Wissen und Können unparteiisch verwalten, Verfassung und Gesetz wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe." Herr Wüst: Nehmen. Sie. Das. Bitte. Ernst.
