Unforgettable: Die Verstorbenen der Flutkatastrophe
Aktuelle Stunde . 14.07.2026. 43:03 Min.. UT. Verfügbar bis 14.07.2028. WDR. Von Henry Bischoff.
5 Jahre nach der Flutkatastrophe : Was hat sich seit dem Hochwasser 2021 getan?
Stand:
In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 ereilt Deutschland eine der schwersten Unwetterkatastrophen der Geschichte. Das Tiefdruckgebiet Bernd sorgt, vor allem in Rheinland-Pfalz und NRW, für Sturzfluten und massive Überschwemmungen. Komplette Dörfer und Städte werden geflutet, Häuser von den Wassermassen mitgerissen. Doch wo steht NRW heute, fünf Jahre nach dem Jahrhunderthochwasser?
Flut 2021 in NRW: Wie konnte eine Nacht ein ganzes Land verändern?
Der 14. Juli 2021 beginnt, auf den ersten Blick, wie ein ganz normaler Julitag. Der Bundestagswahlkampf bestimmt die Schlagzeilen, die Europäische Kommission stellt ihr Klima- und Energiepaket "Fit for 55" vor, in neun Tagen sollen die Olympischen Spiele in Tokio, trotz des Vormarschs der Delta-Variante von Corona, starten.
Es regnet, seit Tagen. Auch Warnungen des Deutschen Wetterdienstes gibt es. Aber Regen allein erscheint, zu diesem Zeitpunkt, den Wenigsten als eine echte Bedrohung.
Doch der Schein trügt: Bereits am Morgen des 14. Juli werden in NRW zahlreiche Einsatzkräfte zu Überschwemmungen gerufen. Allein in Hagen gingen in der Nacht hunderte Notrufe ein. Dort sind Hänge abgerutscht, Bäume umgestürzt und zahlreiche Keller vollgelaufen. Die Dreilägerbachtalsperre bei Aachen droht bereits am frühen Morgen überzulaufen. In Erkrath wird eine Flüchtlingsunterkunft evakuiert, die Kanalisation ist komplett überlastet.
Die Regenmengen, die in diesen Tagen auf NRW heruntergehen, sind enorm. 100, örtlich sogar bis zu 200 Liter pro Quadratmeter: Also ungefähr so viel Wasser, wie man für ein Vollbad in einer durchschnittlichen Badewanne brauchen würde. Eine Badewanne pro Quadratmeter. Mehr Regen, als sonst in einem ganzen Monat in NRW fällt.
Die Wassermassen bringen unsere Infrastruktur an ihre Grenzen. Bereits am Nachmittag müssen Autobahnen gesperrt werden, der Zugverkehr im Raum Bonn kommt zum Erliegen. Dämme aus Sandsäcken werden errichtet. In Hagen trifft die Bundeswehr mit zwei Räumpanzern ein, in Würselen stürzt das Dach eines Einkaufszentrums unter den Regenmassen zusammen.
Immer mehr Regen: Der 14. Juli 2021
Das Jahrhunderthochwasser 2021 richtete in NRW Milliardenschäden an und tötete 49 Menschen. So sah es am Höhepunkt am 14. auf den 15. Juli in den betroffenen Gebieten aus.
Am frühen Abend dann, gibt es die erste Meldung eines Todesopfers: Ein 46 Jahre alter Feuerwehrmann in Altena ist ertrunken. Das Wasser hatte ihm im Einsatz die Beine weggerissen, nachdem er einen anderen Menschen aus den Fluten gerettet hatte. Er wird einer von 49 Menschen sein, die allein in NRW bei der Flut ums Leben kommen. Insgesamt hat die Flutkatastrophe und ihre Folgen in Deutschland 180 Menschen getötet.
Langsam kommt die Erkenntnis: Dieser Starkregen, diese Situation - das ist nicht normal. Der Leiter des Hochwasserinformationsdienstes des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz sagt in diesen Stunden, die Situation sei "absolut ungewöhnlich" und "sehr ernstzunehmend." Der damalige Ministerpräsident Armin Laschet kündigt an, am Donnerstag nach Hagen reisen zu wollen.
Gegen viertel vor elf am Abend hebt der Deutsche Wetterdienst die Unwetterwarnungen für NRW dann auf. Es sei nicht mit weiteren Starkregengüssen zu rechnen. Doch die Katastrophe nimmt weiter ihren Lauf. Mehrere Talsperren in NRW laufen über, Menschen werden mit Booten und Hubschraubern aus ihren Häusern gerettet, Gebäude stürzen ein und vielerorts fällt der Strom aus. Immer mehr Vermisste und Todesopfer werden gemeldet. Deutschland befindet sich im Ausnahmezustand.
Erst in den Tagen danach wird das gesamte Ausmaß der Flutkatastrophe sichtbar. Das Wasser verschwindet und hinterlässt eine Schneise der Zerstörung. Heute, 5 Jahre später, ist klar: Die wirtschaftliche Gesamthöhe der Schäden liegt bei über 12 Milliarden Euro. Und das ist nur der bezifferbare Schaden. Ganze Existenzen wurden durch die Flutkatastrophe 2021 ausgelöscht.
Nach dem Starkregen: So sah NRW nach der Flut aus
Das Ausmaß der Zerstörung wurde erst in den Tagen nach der Hochwasser-Katastrophe in NRW sichtbar.
Nicht vergessen ist jedoch auch, wie viel Hilfsbereitschaft es in den Wochen nach dem Starkregen in den betroffenen Regionen gab. Wie viele Menschen Tag für Tag in die Flutregionen gefahren sind, um Keller leer zu schüppen, Schutt wegzuräumen und Mut zu machen. Viele Menschen sagen heute, dass ihnen das Kraft gegeben habe. Kraft, sich etwas Neues aufzubauen.
Wie sehen die betroffenen Orte heute aus?
Bad Münstereifel, damals und heute
Fünf Jahre nach der Flut besuchen wir Buchhändler Josef Mütter in Bad Münstereifel. Die Hochwasserkatastrophe zerstörte nicht nur seinen Laden, sondern bedrohte auch seine Existenz. Seit Jahren kämpft er sich zurück ins Leben, in einer Stadt, die nur auf den ersten Blick wieder aufgebaut scheint. Hier geht es zum Text.
Erftstadt-Blessem damals und heute
Die Abbruchkante in Erftstadt-Blessem ist zum traurigen Symbolbild der Flut 2021 geworden. Viele Menschen hier wollen das Geschehen endlich vergessen. "Lieber keine großen Gedenkveranstaltungen. Lieber keine Gespräche mit Journalisten", sagen sie. Einer, der direkt an der Abbruchkante lebt, will aber die Erinnerung wachhalten und aufklären, welche Fehler zu der Katastrophe geführt haben. Seine ganze Geschichte, hier.
Hagen damals und heute
Hagen wurde 2021 als erste Stadt in Deutschland von der Flut heimgesucht. Doch der Zusammenhalt war so stark, dass die Hagener über sich hinaus wuchsen. Fünf Jahre später ist vom Hochwasser kaum noch etwas zu sehen - doch die Erinnerungen daran, als eine ganze Stadt sich selbst aus dem Schlamm wühlte, bleiben. Hier mehr zum Zusammenhalt in der Stadt.
Als das Hochwasser auch Solingen Unterburg flutet, wartet Marvin Oberlies nicht lang und packt sofort mit an. Auf eigene Faust schafft er wochenlang Schlamm, Geröll, Treibholz und Müll aus dem Stadtteil. Einzige Ausnahme: Ein Krankenhausaufenthalt. Oberlies hat einen Tumor im Kopf und muss operiert werden. Hier mehr zu seiner unglaublichen Helfergeschichte.
Schleiden, damals und heute
Erftstadt, Hagen, Bad Münstereifel: Orte, die im Zusammenhang mit der Flut 2021 sofort präsent sind. Doch es gibt Menschen in NRW, die jedes Mal aufs Neue erklären müssen, dass auch sie ihr gesamtes Hab und Gut bei der Flutkatastrophe verloren haben. Wir haben die Menschen in den vergessenen Dörfern, wie beispielsweise Rheinbach und Schleiden, besucht. Der Schmerz trifft hier gleich doppelt. Warum, erfahrt ihr hier.
Hochwasserschutz und Wiederaufbau in NRW: Was wurde schon getan?
Wie wäre die Flutkatastrophe 2021 ausgegangen, wenn wir in Sachen Hochwasser- und Katastrophenschutz besser aufgestellt gewesen wären? NRW rüstet auf, aber es gibt Kritik: Vor allem an den langen Planungsverfahren. Hier findet ihr mehr zum Hochwasserschutz.
Löre Linke gehört zu denen, die die Flut in Wuppertal Beyenburg voll erwischt hat. Ihr bergisches Schieferhaus stand unter Wasser. Was folgt, ist monatelanges Wohnen auf einer Baustelle und das ständige Hoffen auf Wiederaufbauhilfe. Löre Linke ist ein Fall von Tausenden, die das Warten auf Unterstützung mürbe gemacht hat. Mehr zum Thema Wiederaufbau und den Regularien, findet ihr hier.
Klimawandel: Müssen wir mit weiteren Flutkatastrophen rechnen?
Meteorologe und WDR-Wetterexperte Jürgen Vogt
Zwar ist im Zusammenhang mit dem Starkregen im Juli 2021 immer wieder die Rede von einer Jahrhundertflut. Das bedeutet aber nicht, dass NRW für die nächsten 95 Jahre Ruhe hat, so WDR-Wetterexperte Jürgen Vogt. "Durch den Klimawandel steigen die Temperaturen, und für jedes Grad Erderwärmung, kann die Atmosphäre 7 Prozent mehr Wasser aufnehmen."
Damit bezieht er sich auf die so genannte Clausius-Clapeyron-Gleichung - und diese physikalische Regel hat ganz konkrekte Auswirkungen auf unser Klima. Denn mehr Wasser in der Atmosphäre bedeutet auch: Mehr Wasser, das abregnen kann.
"Eine wärmere Zukunft wird auch eine feuchtere Zukunft sein", so Vogt. Er rechnet zukünftig mit deutlich mehr Starkregenereignissen als früher. Besonders Mittelgebirge mit engeren Tälern - etwa das Bergische Land, die Eifel, das Sauerland - sind gefährdete Regionen, weil der Regen dort deutlich schlechter abfließen kann. "Deswegen müssen wir als Gesellschaft in Alarmsituationen effektiver werden, schneller reagieren. Und wir müssen uns baulich darauf einstellen."
Verlust, Trauma, Neuanfang - Leben nach der Flut
Bundesvibe. 14.07.2026. 29:30 Min.. UT. Verfügbar bis 03.07.2028. ARD Online. Von Verena Egbringhoff.
Unsere Quellen:
- WDR-Berichterstattung aus dem Juli 2021
- Deutscher Wetterdienst
- Interview mit Jürgen Vogt, WDR-Meteorologe
- Land NRW (Heimat-, Umwelt und Wirtschaftsministerium)
- Die Internetseite der Bundesregierung
Sendung: WDR.de, Das war die Flut 2021: Ein Rückblick , 14.07.2026, 05:01 Uhr
Sendung: WDR Fernsehen, Aktuelle Stunde, 14.07.2026, 18:45 Uhr
Dieser Beitrag liefert Ergänzungen zum YouTube-Film ''Bundesvibe: Verlust, Trauma, Neuanfang - Leben nach der Flut'' vom 05.07.2026
Hinweis der Redaktion vom 21.07.2026, 11:02 Uhr: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir fälschlicherweise von der Vichtbachtalsperre bei Aachen gesprochen. Das ist nicht korrekt. Die Talsperre heißt richtig Dreilägerbachtalsperre. Wir haben das korrigiert.